Chopfsturm

Niedergeschriebene Kopfstürme

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Kultur der Eigeninitiative

Ganz erstaunt und auch ein bisschen erfreut war ich, als ich die Plakate von Olten Tourismus in Zürich, Bern, Luzern und Solothurn sah. Vielleicht werde ich ja nun in den „Grossstädten“ der Schweiz nicht mehr nur auf den Oltner-Bahnhof sondern auf den Schriftstellerweg angesprochen! Doch so richtig ausbreiten wollte sich die Euphorie über diese zweifellos gelungene Werbeaktion bei mir dann doch nicht. Damit ihr mich richtig versteht: Ich bin ein Fan des neu geschaffenen Schweizer Schriftstellerwegs in Olten. Ich bin überzeugt, dass er eine Breitenwirkung haben wird und Touristen nach Olten lockt. Doch reicht das?

Ich höre sie bereits fragen, wann denn nach der Literatour der erste Zug zurück nach Zürich, Luzern, Bern oder Solothurn fahre; Und ob es stimme, dass man jede halbe Stunde aus Olten rauskomme, und ob ich ihnen das schriftlich geben würde? Ich würde dann anfangen zu erzählen, so wie ich es immer mache, dass Olten völlig unterschätzt sei. Das man sich nur die Zeit nehmen müsse und die Stadt entdecken solle. Gerade das kulturelle Angebot in Olten sei für eine Kleinstadt einmalig. Vier Museen gebe es für die Museumsinteressierten nach der Literatour zu besichtigen. Für die Theater- und Kleinkunstbegeisterten biete sich das Theaterstudio, das Schwager- oder das Stadttheater an. Für Konzerte würde sich die Variobar, das Coq d’Or, die Paraiba oder das Galicia eignen. Vielleicht gebe es sogar etwas in der Schützi zu sehen. Auch ins Kino könne man in Olten. Und sowieso sei Olten eine der Städte in der Schweiz, welche mit der höchsten Dichte an guten Restaurants, Bars und Cafés aufwarten könne.

Die Leute würden dann erwidern, dass sie davon noch gar nichts gehört hätten. Dass auf der Webseite des Schriftstellerwegs oder auf der Webseite der Stadt Olten gar keine Infos zum kulturellen Angebot in Olten zu finden seien. Ich werde ihnen dann ein bisschen Recht geben müssen. Vielleicht würde ich dann versuchen, mit ihnen über das fehlende Kulturkonzept der Stadt Olten zu diskutieren. Darüber, wie sich Ende 2013 die Kulturszene in Olten in der kalten Stadtkirche getroffen hatte, um das bedrohte Kunstmuseum vor der Schliessung zu retten. Darüber, dass man seither viel enger zusammenarbeite in der Stadt. Eine Entwicklung, die ohne die finanziellen Schwierigkeiten der Stadt Olten noch Jahre gedauert hätte. Ich würde dann auch nicht ohne Stolz erzählen, dass daraus doch schon einiges entstanden sei: Etwa der Kulturtag im Mai 2014, die Gründung des Vereins „Pro Kultur Olten“ im September 2014 oder das Zwischennutzungsprojekt Tattarletti.

Irgendwann würden mich die Leute dann unterbrechen und fragen, welche Rolle die Stadt dabei übernommen habe. Ich würde dann zurückdenken an die vergangenen knapp zweieinhalb Jahre. Ich würde mich erinnern an die netten Worte des Stadtpräsidenten bei den Podiumsdiskussionen und das Beschwören der Eigeninitiative der Kulturschaffenden durch die Politik. Ich würde lächeln und sagen, dass die Stadt kaum Stellung zu kulturellen Betrieben bezieht. Dass die Wertschätzung oft fehlt. Während zweieinhalb Jahren ist in der Kulturszene in Olten sehr viel passiert; doch die Stadt steht immer noch am selben Punkt. Ohne Strategie und ohne Konzept.

Meinung im KOLT Sommer 2016.

Idomeni.

Zwischen zwei Getränken unterhalten wir uns in Sprachen die wir nicht sprechen. Versuchen zu verstehen, was den Mensch zur Zerstörung treibt. Wir stehen da, mit offenen Armen und niemand rennt hinein. Die Bilder der Menschen auf der Flucht ziehen vor unseren Augen vorbei und wir weinen. Wir sind darauf nicht vorbereitet worden, so scheint es. Unsere Träume waren immer gross. Wir sprechen von Impact und Output und ziehen Bilanz. Aber das ist mehr als gross. Hier reichen 140 Zeichen nicht. Wir bleiben vor flimmernden Bildschirmen stehen und versuchen in Worte zu fassen was passiert. Wir schauen in die Augen der Leute und sehen unser Spiegelbild. Bomben explodieren und Menschen sterben in Städten die wir besucht haben. Das können wir nicht. Wir twittern.
Wir wollen die Bilder vergessen.

Idomeni. Ein Wort das klingt wie Poesie aber alles andere verkörpert. Idomeni hat sich wie ein Mantra in unseren Köpfen festgesetzt. Idomeni steht für unsere Fehler. Für unsere Untätigkeit. Für unsere Hilflosigkeit. Für unser Versagen. Wir blicken tief in unsere Gläser und erhoffen uns Antworten auf die grossen Fragen. Wir hätten es in der Hand so scheint es. Wir könnten den Unterschied ausmachen. Doch wir packen es nicht. Paris, Tunis, Garissa, Zvornik, Port El-Kantaoui, Kuwait, Leego, Mogadischu, Gombe, Suruc, Daglica, Ankara, Beirut, Bagdad, Paris, Sarajevo, Bamako, San Bernardino, Pathanok, Istanbul, Jakarta, Ouagadougou, Peshawar, Mogadischu, Kairo, Ankara, Aden, Jerusalem, Ankara, Grand-Bassam, Istanbul, Brüssel, Al-Asrija, Lahore, Diyarbakir. Es trifft uns alle. Fast täglich und überall.
Deshalb können wir die Bilder nicht vergessen.

Aarburg, Beinwil am See, Deitingen, Menziken, Amden, Gretzenbach, Safenwil, Giffers, Oberwil-Lieli, St. Urban, Bremgarten. Sie bauen Mauern und Zäune an den Grenzen und in ihren Köpfen. Sie sehen ein volles Boot und fürchten um Ihre Kultur. Wir diskutieren und planen, wir wählen und stimmen ab. Sie sprechen von Volk, von richtigen und falschen, von Gut und Böse. Sie rufen in den Kommentarspalten zu Gewalt auf, sprechen von Widerstand und von Bürgerkrieg. 924 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland im Jahr 2015. Unsere Nachbarn machen ernst. Wir wollen aufklären und vermitteln. Wollen argumentieren, verhandeln und erklären. Sie argumentieren nicht, sie verhandeln nicht. Wir sollten aufstehen und schreien. Sollten für die Menschenrechte einstehen und kämpfen. Sollten handeln, bewegen und ändern.
Denn wir dürfen die Bilder nie vergessen.

Petra & Nils im  KOLT Mai 2016.

Dabei sein ist alles.

Nach Individualismus wird geschrien und Gleichheit gelebt. Ausgebrochen aus gesellschaftlichen Zwängen wird nicht und trotzdem die Gesellschaft verflucht. Die Welt hat nicht auf uns gewartet und wir begreifen es nicht. Hauptsache das eigene Gärtchen ist grüner als die Anderen. Minderheiten werden unterdrückt weil die Mehrheit zu schwach ist sie zu schützen. Gekämpft wird für die Einhaltung der Nachtlärmregelung, kleine Türme werden verboten und die eigene Kultur sieht man in Gefahr. Früher war alles besser und trotzdem gleich. Wir schleppen uns an Partys. Versuchen einen Weg zu finden den Zwängen zu entkommen und scheitern mit Getöse. In der rechten Hand haben wir einen Pflasterstein und in der linken das iPhone um den Wurf zu filmen. Wir bekämpfen was uns bereits besitzt. Wir wehren uns gegen eine Macht die sich uns nie zeigt. Bewerfen die Sklaven des Systems mit Flaschen und nichts wird sich ändern. Wir sind frustriert suchen nach einem Ausweg und betrinken uns. Betrunken lassen wir uns einfacher steuern und finden es nicht einmal verwerflich. Wir versuchen uns das Denken zu verbieten und im Handeln aufzugehen. Suchen im Dunkeln nach einer Lösung und niemand betätigt für uns den Lichtschalter. Orientierungslos torkeln wir durch den Nebel und folgen den Nebellichtern des Konsums um Ihn an einem klaren Tag zu verteufeln. Ändern möchten wir alles nur nichts aufgeben dafür. Besser sein als andere müssten wir und dabei halten wir dem Druck nicht stand. Das System macht uns kaputt und uns fehlen die Ideen es zu zerstören. Wir sind eine Generation die nie gelernt hat an sich zu arbeiten. Wir haben alles was wir brauchen und das macht uns schwach. Aufgewachsen mit Social Media und Smartphone werden wir von irrelevantem absorbiert. Nur noch schnell einen neuen Status posten, die Welt muss es wissen. Die Medien sind die Diener des Grosskapitals und halten uns dumm. Kriege wüten und uns interessiert das Gewicht der neuen Mutter im Königshaus. Rassismus ist wieder Salonfähig weil das Boot wieder einmal voll sein soll. Solidarität ist ein Schimpfwort weil es kostet und Utopien können wir uns nicht mehr leisten weil es sie alle schon einmal gab. Es fehlt uns an nichts und doch an allem. Grosskonzerne überwachen jeden unserer Schritte und wir lassen es zu. Wir sitzen 24h Stunden vor dem Fernseher wenn Präsidenten ihre Bürger live im TV abknallen lassen. Aber die Grenzen sind geschlossen. Bis hier und nicht weiter. Überall wo man hingeht steht bereits jemand mit einer Kamera in der Hand. Bilder und Filme werden produziert und niemand weiss für wen sie bestimmt sind.

Dabei sein ist alles.

Die Zugfahrt.

Ich sitze da, spüre meine Beine und Arme nicht mehr, kann nicht sprechen. Was ist los, was ist geschehen? „Ist hier noch frei?“ – keine Reaktion meinerseits, ich kann nicht, ich möchte sprechen, möchte sagen „Ja klar, nehmen sie Platz schöne Frau“ – oder „Aber sicher doch, für sie immer“ – Ich möchte lächeln, möchte Ihr zeigen, dass Sie mir gefällt. Aber ich kann mich nicht bewegen. „Sorry, ist hier noch frei?“ – sie fragt noch einmal. Ich nicke, nicken kann ich noch. Ich hasse mich, ich verfluche mich. Sie nimmt Platz, ich hatte ja auch genickt und trotzdem ist es mir nicht recht. Ich bin blockiert, innerlich verkümmert. Ich sehe alles klar und doch verschwommen. Bin Gefangen in meinem eigenen Körper und mir fehlt der Schlüssel mich zu öffnen. Ich sitze da, starre aus dem Fenster und betrachte aufmerksam die wunderschöne Landschaft. Gerne würde ich mich ihr mitteilen, würde ihr erzählen was ich sehe, der schönen Frau neben mir. Aber ich kenne sie nicht und ich kenne mich nicht, ich bin nicht ich. Seit einigen Wochen lebe ich in dieser Blase. Die Umwelt präsentiert sich mir immer in verschwommenem Zustand und ich versuche jeden Tag aufs neue die Fenster zu putzen und mir eine klare Sicht zu verschaffen. 

Ich schrecke auf, versuche zu sprechen, es funktioniert. Schon wieder dieser Traum, schon wieder keine Ahnung was es mir sagen will. Seit Wochen träume ich immer wieder die gleiche Situation, immer die gleichen Bilder, immer die gleiche Geschichte. Ich suche die Zigaretten auf meinem Nachttisch, meine immer gleiche Reaktion auf Stresssituationen. Seit einigen Wochen rauche ich auch im Schlafzimmer, etwas das ich mir früher immer verboten hatte. Doch seit ich mein erstes Bier bereits am Morgen trinke finde ich auch im Bett zu rauchen nicht mehr verwerflich. Ich weiss nicht wann es angefangen hatte, wann ich die Kontrolle verloren habe. Vielleicht war es als sie mich sitzen gelassen hatte, oder die Kündigung vor 4 Monaten, wobei ich ja froh bin muss ich dieses Arschloch von einem Chef nicht mehr jeden Tag sehen. Aber ehrlicher wäre wohl, dass diese Situationen nur eingetreten sind weil ich bereits ein Alkoholproblem hatte und nicht umgekehrt. Ich atme den Rauch aus, es fühlt sich gut an. Nach dem dritten Zug an der Zigarette folgt das obligate Husten. Ich liebe es, es zeigt mir, dass sich meine Lunge noch nicht ganz aufgegeben hat, dass sie sich noch wehrt. Es ist wie in einer Schlägerei, wenn der Gegner noch zurückschlägt obwohl er bereits am Boden liegt. Ich mag meine Lunge, sie versucht mich zu einem besseren Menschen zu machen. Irgendwann werde ich ihr dabei helfen, aber im Moment fehlt mir die Energie. Seit Wochen lebe ich von Rausch zu Rausch, versuche die Zeit dazwischen zu vergessen und mich zu schützen vor dem was kommt. Ich packs nur noch mit Alkohol. Fühle mich schlecht und verdränge es mit anderen Drogen.

Seit zwei Tagen habe ich nichts mehr getrunken, mein Mund ist trocken, die Hände zittern und ich bin nervös. Es ist ein grausamer Kampf den ich führe und den ich wahrscheinlich nur verlieren kann. Ich will nicht aufgeben, ich will es schaffen. Nicht wegen mir, aber wegen Ihr. Sie ist gekommen, zurückgekommen, wir wollen es noch einmal versuchen. Unter der Bedingung, dass ich nicht mehr trinke. Ich habe es ihr versprochen, hundertmal habe ich es ihr versprochen. Ich weiss, dass es sich lohnt und trotzdem ist es das verdammtnochmalschlimmste was ich mir je angetan habe. Ich irre durch die Räume, komme nicht zur Ruhe. Am Abend geht es, am Abend ist sie zuhause, am Abend lenkt sie mich ab. Den Tag durch arbeitet sie und überlässt mich mir selber. Ich will nichts mehr als mir irgendwelchen Alkohol zuführen, nur damit das verdammte Zittern aufhört, damit die Stimmen im Kopf Ruhe geben und damit ich endlich wieder einmal richtig gut schlafen kann. Aber ich will kämpfen, ich will es packen.

„Guten Morgen“ meint sie mit einer unerträglichen Fröhlichkeit als ich meine Augen öffne. Ich will nicht neben dieser Frau liegen, ich will nicht mit ihr aufwachen. Der Sex war gut, da gibt es nichts zu meckern. Sie ist extrem beweglich und lässt einiges mit sich anstellen. Aber sie ist nicht die Frau neben der ich am Morgen aufwachen will. Ich hatte wieder getrunken, nach drei Wochen Abstinenz. Sie hat es mitgekriegt und hat sich verabschiedet. Ich Vollidiot habe noch mehr getrunken, immer mehr. Und jetzt liege ich hier, neben dieser anderen Frau die sich nicht richtig anfühlt. In einem Bett welches nach abgestandenem Bier, Zigarettenrauch und Kotze von letzter Nacht riecht. Ich hasse mich, ich verabscheue mich. Der Spiegel am Kleiderschrank lacht mich aus und mir stösst der Tequila von letzter Nacht auf. Ich habe diesen Schnaps schon immer gehasst, ich kann nicht damit umgehen. Ich schlage meinen Kopf mehrmals gegen die Wand, versuche so klaren Kopf zu kriegen. Zum Magenbrennen gesellen sich nun noch Kopfschmerzen und ich weiss, dass ich es verdient habe. Ich bin ein Feigling, ein Opfer. Packe es nicht mein Leben auf dir Reihe zu kriegen und verletze den einzigen Menschen, der je für mich da war.

So, genau so muss er sich anfüllen, der Aufprall auf dem Boden der Realität. Ich hatte gerade eine längere Zeit in der schönsten Seifenblase der Welt gelebt und nun das. Es kam unvermittelt, wie sollte ich es auch erwarten, war doch alles gut. Nein gut ist untertrieben, alles war am Besten. Die Zeit schien die Zeiger verloren zu haben, alles lief wie im Fluss. Keine Probleme schienen sich anzubahnen, wichtig war nur das hier und jetzt. Ich sitze da, spüre wie es mich durchdringt, dieses Gefühl der Leichtigkeit des Seins. Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und schliesse langsam die Augen. Ich spüre ein kribbeln in den Beinen und die Tränen laufen mir die Wangen herunter. Der Versuch zu fliehen ist wieder einmal gescheitert. Gescheitert an der Tatsache, dass es keine Flucht gibt. Und trotzdem versuche ich es immer wieder. Der Raum scheint über mir zusammenzubrechen, die Wände kommen immer Näher. Ich möchte mich bewegen, möchte dem Ganzen etwas entgegensetzen und kann nur zusehen. Meine Brust schnürt sich zusammen und ich kriege kaum mehr Luft. Verdient hab ichs ja, mehr als verdient. Und trotzdem macht es mir Angst, jedes mal macht es mir Angst.

Du II.

Spuren im Schnee,
sie erinnern mich an dich.
Du hast es geliebt,
das Reiten durch die Winterlandschaft.
Nun bist du nicht mehr da,
und der Winter vermisst dich.
Wir kämpfen für dich und für uns,
kommen manchmal ans Ende und machen doch weiter.
Es ging schnell, zu schnell,
und doch wars gut wie es gelaufen ist.
Manchmal möchte ich die Zeit zurückdrehen,
und doch freue ich mich auf das Morgen.
Du wärst stolz auf uns,
wir sind stolz auf dich.
Es wird immer etwas fehlen,
und doch ist vieles noch da.
Wir lieben dich.

Du I.

Vielleicht.

Verloren in langen Nächten,
sind wir eine Jugend der Zweifel.
Gefangen in Strukturen welche nicht die Unseren sind,
auf der Suche nach der Befreiung.
Wir kämpfen lautlos und ohne Energie,
unverstanden von einer ganzen Generation,
welche selber kämpfte.
Wir trinken weil es sonst nichts gibt,
um zu versinken in dämmrigen Welten.
Versklaven uns,
in einer Ordnung die wir hassen.
Suchen das Extreme,
und verweilen im Simplen.
Geben uns mit wenig zufrieden,
und verlangen nach mehr.
Es wird eine Zeit kommen,
die alles ändert.
Vielleicht.

Die Kunst der Zerstörung

Licht mitten ins Gesicht, Licht an einem Morgen welcher kein Morgen sein sollte. Er darf sich nicht bewegen weil alles schmerzt. Die Galle sitzt ihm im Hals und hämmernd im Innern seines Kopfes macht sich die Ethanolvergiftung der letzten Nacht bemerkbar. Man weiss immer was einen erwartet wenn man das Glas ansetzt und trotzdem funktioniert der Verdrängungsprozess einwandfrei. Wie mancher Sonntag ist verstrichen an welchen er sich nicht Erinnern kann. Wie mancher Morgen wurde zur Tortur nur um einen Abend voller kurzer Glücksmomente zu erleben. Er würde es nicht missen, nicht diese Nächte. Nächte voller Erwartungen und Enttäuschungen, voller Liebe und Hass, voller Leidenschaft und Teilnahmslosigkeit. Torkelnd geht er durchs Leben nur um nicht wahrnehmen zu müssen was sich Realität nennt. Der Heimweg ist ein Akt der Zerstörung und der Blick in den Spiegel erfordert ein weiteres Remeron. Gestern war zuviel, dieses letzte Bier hätte er stehen lassen sollen. Es ist wie immer, die Verantwortung ruft und er spült sie herunter mit dem nächsten Drink. Er ist nicht bereit Verantwortung zu übernehmen. Abend für Abend landet er am selben Punkt, genau so gestern. Nur kurz auf ein Bier in seine Stammbar, nur kurz seine Freunde treffen. Den neuen Arbeitsplatz hat er seit drei Wochen und bereits zweimal verschlafen. Ich werde versuchen das Trinken sein zu lassen – sagt er leise zu sich selbst .

Wieder so eine Party, wieder so eine Stimmung, wieder so eine Frau. Er kann sich nicht wehren, er muss eskalieren, muss sich spüren, nur diese Momente lassen ihn begreifen, dass er lebt. Sie sind viele und trotzdem ist jeder einsam. Die eigenen Empfindungen kann niemand verstehen, nie wird jemand wissen wie er denkt und fühlt. Nur in Zeiten des Rausches fühlen sie sich verstanden. Mit schwerer Zunge und leerem Kopf sprechen sie in Phrasen und nennen sich Philosophen. Sie leben gerne, sie sind jung und sie sind mutig. Sie sind die Zukunft und wissen nicht ob sie bereit sind dafür. Unter ihnen hat es Menschen welche in einigen Jahren die Geschicke der Welt leiten sollten und doch fühlt sich keiner von ihnen bereit. Nicht am Abend, nicht in der Nacht und schon gar nicht am nächsten Morgen. Ich werde versuchen das Trinken sein zu lassen – sagt er leise zu sich selbst .

Es klingelt an der Tür und er kann sich nicht bewegen. Er weiss genau, dass sie es ist und er weiss auch genau was sie sagen wird. Sie wird ihn anschauen mit ihren grossen Augen, wird ihm sagen, dass sich etwas verändert hat in den letzten Wochen, das er sich verändert habe und sie sich entfernt. Sie wird ihm von Robert erzählen. Aber Freunde bleiben möchte sie. Er öffnet die Tür nicht, denn solange er die Tür nicht öffnet ändert sich nichts an der Situation. Dem Unausweichlichen ausweichen in dem man sich den Situationen entzieht. Er nimmt das Gras aus seinem kleinen Holzkistchen welches immer unter dem Sofa liegt. Nachdem er mit ihr zusammengekommen war hatte er aufgehört damit, er hatte auch das Trinken aufgegeben. Sie schien perfekt, er war süchtig nach ihr. Sie machte Ihn zu etwas besserem und trotzdem nahm sie ihm alles was er hatte. Ich werde mit dem Trinken wieder anfangen – sagte er leise zu sich selbst.

Er kann sich nicht beklagen, will sich nicht beklagen. Das Leben war bis jetzt immer mehr oder weniger gut  zu ihm. Es hat ihm einiges verziehen und ihn immer neue Fehler machen lassen. Aber sie häufen sich wieder in letzter Zeit. Die Nächte werden immer länger, die Tage schmerzhafter. Er stiehlt sich aus seiner Verantwortung für sein Leben, er rettet sich auf eine schwimmende Boje um Halt zu finden aber nicht gebunden zu sein. Die Zeit rennt im davon und er hinter her. Er packt es nicht mehr zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Immer wieder fällt er hin immer wieder steht er auf, immer wieder fährt ihm die U-Bahn vor der Nase weg. Er möchte anders sein, er möchte sich sein, so sein wie er mal war. Aber er möchte auch jetzt sein, er möchte sein, er möchte leben. Es fällt ihm schwer sich zu ändern, sich hinzugeben. Lange war er perfekt, alles schien zu funktionieren, sein Leben war kontrolliert. Nun ist er ausgebrochen, er fühlt sich frei und doch gefangen in seinem Anspruch frei zu sein. So vieles müsste er erleben, so vieles müsste er machen und doch hält er sich zurück. Ich werde mein Leben ändern, ich werde es gut machen – sagte er leise zu sich selbst.

Olten, Boston, Montreal, Ottawa, Toronto, Niagara Falls, Cleveland, Washington D.C, Philadelphia, New York, Olten.

Olten, Boston, Montreal, Ottawa, Toronto, Niagara Falls, Cleveland, Washington D.C, Philadelphia, New York, Olten. 117 Tage, knapp 17 Wochen, neue Freunde, neue Welten, neuer Horizont, hunderte Momente zum Erinnern. Ich hatte eine super Zeit, zuerst in Boston, drei Monate in einer wunderbaren Gastfamilie, in einer richtig angenehmen Schule mit richtig guten Leuten. Viel erlebt in Boston, die Stadt lieben gelernt und Tränen vergossen beim Abschied. Die Zeit war intensiv und ich habe viel gelernt, ich habe mich verändert, vielleicht geöffnet, vielleicht gut, vielleicht schlecht. Ich würde diese Erfahrungen gegen nichts tauschen, sie haben mir geholfen, mich an der Hand gepackt, mich auf die Beine gestellt und mir eine Welt eröffnet die ich nicht kannte. Ich war dort, habe gelebt, war zuhause. Als wäre ich nie woanders gewesen. Als ich am 24. März 2012 die Schweiz in Richtung Boston verliess war ich mir nicht sicher ob es richtig ist. Ich fühlte mich verloren, einsam und unsicher. Ich hatte Angst, Angst nicht in diese Welt zu passen, nicht meinen Platz zu finden. Ich hatte Angst vor einer schlechten Gastfamilie. Ich hatte Glück, wie so oft in meinem Leben. Die drei Monate in Boston vergingen wie im Flug, Woche für Woche, Tag für Tag. Nach kürzester Zeit waren wir eine richtig gute Gruppe, ob Ausgang, ob Schule, ob Ausflüge, alles wurde zusammen unternommen. New Hampshire/Maine, Newport/Providence, Lake Winnipesaukee, alles haben wir erkundet, Auto gemietet, Taschen gepackt und hinaus aus der Stadt in welche wir uns verliebt haben und welche trotzdem manchmal beengend wirkte. Wir wollten etwas sehen von der Umgebung. Es gab nur uns, Boston und Zeit zum vergeuden. Keine Verpflichtungen, alles aus freiem Antrieb, selber entschieden, selber so gewollt. Ich wollte nicht weg aus Boston, wollte bleiben, weiterleben in dieser Seifenblase, weiter träumen. Trotzdem freute ich mich auf das Reisen, freute mich auf Montreal, Ottawa, Toronto, auf die Niagara Wasserfälle, auf Cleveland, Washington D.C, auf Philadelphia und die Rocky Treppe und auf New York. Begleitet auf dieser Reise haben mich von Boston bis Washington Marj, ab Washington gesellte sich noch Julia zu uns.

Wir hatten eine super gute Zeit, es gab viel zu sehen, viele verschiedene Städte zu begutachten. Zuerst sind wir noch etwas in Boston geblieben, am 22. Juni ging’s dann ab nach Montreal. Eine Stadt welche sehr europäisch ist, in welcher ein französisch gesprochen wird welches ich beim besten Willen nicht verstehen konnte und in welcher ich mich vom ersten Moment an richtig wohl gefühlt habe. Die Stadt ist wunderschön, die Menschen sind gesellig und freundlich und das Wetter war traumhaft. In Montreal verweilten wir knapp 3 Tage und machten uns danach auf den Weg in Richtung Ottawa. Die Hauptstadt Kanadas hatten wir am Anfang nicht explizit auf unserem Reiseplan vermerkt, dachten uns jedoch unterwegs, dass es sich sicher lohnen würde und es lohnte sich. Die Stadt erinnerte mich etwas an Bern, nicht weil sie gleich aussehen würde (Es gibt kaum eine so schöne Stadt wie Bern zweimal ;)), jedoch von der Art und Weise wie sie sich gibt. Es ist eine „Regierungsstadt“ ohne Financial District, ohne pompöse Hochhäuser, ohne grossartig platzierten Banken. Dafür mit einem schönen Regierungsgebäude, mit viel „Altstadt“ mit einer Geschichte und mit einem Auftrag eine zweisprachige Stadt in einem zweisprachigen Land zu sein. In Ottawa verweilten wir knapp 1.5 Tage danach zog es uns weiter nach Toronto. Mit einer Übernachtung unterwegs kamen wir am  27. Juni in Toronto an. In unserer ersten richtigen Grossstadt. Laut einem „Einheimischen“ der am schnellsten wachsenden Stadt in Nordamerika. Die Stadt ist imposant, gross, mit Hochhäusern, mit dem CN Tower, mit allem was eine Grossstadt benötigt um eine zu sein. Jedoch ist es eine kanadische Grossstadt. Sehr ruhig, sehr freundlich, kaum Kriminalität, trotz (mit Metropolregion) knapp 5.5 Millionen Einwohnern. Die Stadt zu besuchen ist lohnenswert und einen längeren Aufenthalt könnte ich mir absolut vorstellen. Ein kleines New York für Leute welche vom grossen überfordert sind (wie Ich, dazu aber später mehr). Unter lustigen Umständen trafen wir in Toronto noch zwei Kollegen welche zuvor mit zwei anderen, welche ich aus Boston kannte, unterwegs waren. Ich lernte die beiden am letzten Wochenende in Boston kennen, sie reisten dann vor uns aus Boston ab und unabhängig von mir kannten sich der eine und die Marj schon von früher. So trafen wir uns auf ein Bier oder auch zwei und verbrachten den nächsten Tag zusammen in Toronto. Die Welt ist auch über dem grossen See relativ klein! In Toronto blieben wir bis zum 30. Juni. Von dort fuhren wir dann um den Lake Ontario zu den Niagara Wasserfällen. Ich wusste nicht was ich erwarten sollte, erwartete aber wohl etwas mehr. Die Wasserfälle sind imposant und wunderschön. Mit dem Boot – der Maid of the Mist – kann bis ganz nahe an die Wasserfälle gefahren werden und die Gewalt und die Macht der Fälle wird einem bewusst. Sonst ist es rund um die Wasserfälle extrem touristisch und ziemlich übel. Wir übernachteten im Örtchen Niagara Falls selber in einem kleinen Hostel. Von Aussen sah das Hostel nicht sehr einladend aus, im Innern war es jedoch das wohl beste der gesamten Reise. Alles renoviert, alles sehr sauber, extrem sympathische Mitarbeiter und einen sehr familiären Touch. Am Abend des 30. Juni gingen wir so auch mit drei Französinnen und einem Niederländer im Städtchen Essen, dies nur weil der Hostelbesitzer uns dazu verpflichtete. Es war jedoch ein sehr guter Abend! Am 1. Juli, dem Nationalfeiertag der Kanadier, machten wir dann noch eine Wanderung entlang des Niagara River, diese wurde uns vom Hostelbesitzer ans Herz gelegt und war eine wunderbare Erfahrung, Kanada wie man es sich vorstellt.

Am Abend des 1. Juli fuhren wir dann wieder zurück in die Vereinigten Staaten, genauer nach Cleveland. Auch Cleveland war nicht von Anfang an auf unserem Reiseplan, aber eine Lehrerin an der Sprachschule in Boston stammte aus Cleveland und sprach immer davon wie unterbewertet Cleveland sei und das sich ein Besuch allemal lohnen würde. Da ich als in Olten lebender genau weiss, als was sich unterbewertete Städte entpuppen können und es sowieso mehr oder weniger auf dem Weg lag, besuchten wir die kleine Arbeiterstadt am Lake Erie. Das die Rock’n’Roll Hall of Fame in Cleveland stationiert ist war das Zückerchen. Die Stadt ist klein, gemütlich und war ideal um sich etwas zu erholen. Die Rock’n’Roll Hall of Fame imponierte mir extrem und wir verbrachten knapp 4 Stunden im riesigen Gebäude. Cleveland lohnt sich auf alle Fälle (vorallem wegen der HoF) jedoch sicher nicht länger als einen Tag. So zog es uns dann auch am 3. Juli schon wieder weiter in Richtung Washington D.C. Wir wollten unbedingt am 4. Juli in Washington sein um den Unabhängigkeitstag der USA in der Hauptstadt mitzuerleben. Leider war es in Washington extrem heiss (immer zwischen 40 und 45 Grad) und somit war es extrem Anstrengend und ermüdend. Wir versuchten dennoch soviel wie möglich zu besichtigen (Lincoln Memorial, Luther King Monument, Washington Monument, Capitol, Arlington National Cemetery u.s.w). Ich fand die Stadt sehr schön und auch sehr gemütlich. Geschichtlich ist in Washington auch einiges zu erfahren was ich sehr spannend fand. Sehr cool ist, dass jedes Museum in Washington gratis ist, somit konnten wir erstens der extremen Hitze ab und an etwas ausweichen, weiter konnten wir sehr viele Infos sammeln. Wärmstens empfehlen würde ich das Holocaust Museum in Washington, sehr imposant. Der 4. Juli war etwas enttäuschend, eine grosse Parade bei welcher wir in der grossen Hitze beinahe kollabiert wären und ein Feuerwerk am Abend waren alle Festivitäten. Vielleicht waren wir aber auch nur zu müde von der Hitze um die richtigen Feste zu finden. Gegen Abend des 7. Julis verliessen wir Washington in Richtung Philadelphia. Dort übernachteten wir etwas ausserhalb der Stadt in einer richtig coolen Jugendherberge welche in einem alten Herrschaftshaus einquartiert ist. Der einzige Nachteil war, dass wir mit dem Auto in die Stadt fahren mussten, dies war jedoch auch weiter kein Problem weil wir das Auto ja sowieso hatten. Philadelphia hat als Stadt leider nicht allzu viel zu bieten. Geschichtlich wäre sie sehr interessant, war sie doch die erste Hauptstadt der USA, jedoch merkt man ihr die die tiefen sozialen Schichten an. Die Lebensqualität scheint nicht sehr gut zu sein und die Kriminalität ist ein stetes Thema in Philadelphia. Trotzdem gibt es einiges zu sehen, zum Beispiel die Rocky Treppe vor dem Museum of Art, die City Hall, die Independence Hall oder die Ausstellung der Liberty Bell. Nach zwei Tagen Philadelphia machten wir uns auf den Weg in Richtung New York, wir mussten am 10. Juli unser Auto am Newark International Airport abgeben und übernachteten, damit wir früh genug dort erscheinen konnten, vom 9. auf den 10. Juli in einem kleinen Städtchen mit dem Namen Linden in der Nähe des Flughafens. Ja wir wählten den Ort bewusst nach dem Namen aus ;). Nach der Abgabe des Autos, welcher eine Irrfahrt rund um den Newark Flughafen vorausging, machten wir uns auf den Weg nach Manhattan.

In New York angekommen bezogen wir unser Hotel und erkundeten gleich als Erstes den Times Square. Ich war sehr beeindruckt von der Lebendigkeit und der Grösse der Stadt. Doch irgendwie wurde ich während der sechs Tage in New York nie richtig warm mit ihr. Vielleicht war ich schlicht zu müde nach 19 Tagen unterwegs sein und vielleicht hatte ich alles in allem zu wenig Zeit um die Stadt richtig in mich aufzusaugen. Vielleicht waren meine Erwartungen auch zu hoch und vielleicht wollte ich auch einfach mal wieder nach Hause. Genau sagen kann ich es nicht. Den Central Park fand ich wunderschön und beeindruckend wie er sich mitten in Manhattan platziert hat. Die Gebäude, die Strassen, die Menschenmengen alles war imposant. Nur etwas zuviel für mich. Ich werde bestimmt wieder einmal nach New York reisen, werde mir vielleicht etwas mehr Zeit nehmen und vielleicht werde ich versuchen mit jemanden zu gehen der mir New York noch von einer anderen Seite als der rein touristischen zeigen kann.

Nach sechs Tagen New York und vielen Erlebnissen aus knapp 4 Monaten weit weg von zuhause hiess es am 16. Juli ab an den JFK Airport in New York und mit schwerem Herzen Abschied nehmen von den USA. Es war eine intensive, lehrreiche, spannende, meine Welt verändernde, den Horizont erweiternde und alles in allem grossartige Zeit. Die Menschen waren toll zu mir, das Land war gut zu mir, das Wetter hatte mich lieb und ich konnte mich gehen lassen und dazu lernen. Danke!

Danke Boston.

Leider habe ich den ganzen Blog etwas vernachlässigt und eine Lücke von knapp zwei Monaten hinterlassen. Es wird eventuell noch ein Eintrag folgen in welchem ich eine kurze Zusammenfassung der letzten Wochen in Boston niederschreibe, aber im Moment bringe ich nur ein danke Boston zustande.

Danke Boston, danke für die knapp drei Monate. Danke für all die Menschen welche ich kennen lernen durfte. Danke für Erfahrungen die ich sammeln konnte. Danke.

Es war eine super Zeit und ich habe mich in diese Stadt verliebt. Es war am Ende doch schwer wieder zu gehen, schwerer als ich es erwartet habe.

Nun bin ich auf einem Roadtrip durch Kanada und den Osten der USA, werde versuchen euch auf dem laufenden zu halten. Ich freue mich riesig auf die verschiedenen Städte (Montreal und Ottawa haben wir bereits hinter uns und diese waren super!).

New Hampshire, Maine und anderes

Mit Blog schreiben ist es so eine Sache. Man sollte immer alles aktuelle gleich niederschreiben und mitteilen, nur hat mich die altbekannte Faulheit auch hier gepackt und somit bin ich bereits wieder etwas im Rückstand mit meinem Geschreibsel. Seit dem 9. April und meinem letzten Blogeintrag ist bereits wieder einiges passiert, deshalb gibt es diesmal einen etwas längeren Beitrag. Gibt ja auch einiges zu erleben auf der anderen Seite des Atlantiks. Wie im letzten Text bereits erwähnt unternahmen wir vom 13.4 – 16.4 einen Trip durch New Hampshire / Maine, beides Staaten nördlich von Boston. Später gingen wir noch an ein Baseball Spiel im altehrwürdigen Fenway Park, besuchten täglich brav die Schule und versuchten uns weiter an langen Nächten in dunklen Pubs. Wir haben die Sonne in den Parks in Boston genossen und unsere ersten Glaces gegessen. Nun erzähle ich euch einiges über den Trip und etwas weniger über andere Vorkommnisse.

Wir haben also die Chance beim Schopf gepackt und uns am ersten verlängerten Wochenende (Patriotsday am Montag dem 16.4) aus Boston verpisst und die Welt erkundet. Zu acht und mit zwei gemieteten Autos haben wir uns am Freitag direkt nach der Schule auf den Weg gemacht. Völlig euphorisiert von der Tatsache der Schule und dem bereits gefährlich eingeschlichenen Alltagstrott zu entkommen war die Fahrt ein Heidenspass. Unser erstes Ziel war York Beach, ein kleines Kaff direkt am Meer im Bundesstaat Maine. Wir nächtigten in einem Motel mit Meerblick und fühlten uns wie Könige. Dank des Besuches eines Liquor Outlets unterwegs hatten wir am Abend auch noch etwas zu trinken und viel zu lachen.

Unsere Aussicht vom Motel am ersten Morgen:

Am Samstag führte unser Weg, nach einem ausgiebigen Frühstück mit überdimensionalen Pancackes, dem Meer entlang zuerst nach Ogunquit wo es einen weiteren wunderschönen Strand zu besichtigen gab. Vereinzelte Mitreisende nutzten den kurzen Stop für ein kleines Nickerchen im Auto um zu späterer Stunde wieder voll auf dem Damm zu sein. Von dort führte die Route weiter nach Cape Elizabeth. Dieses Städtchen ist berühmt für seinen Leuchtturm (laut Wikipedia der älteste in Maine) und wie fast überall in Maine war auch die Küste in Cape Elizabeth schlicht wunderschön. Apropos, der nette George W. Bush soll anscheinend ein Ferienresort am Cape Elizabeth besitzen, leider blieb es uns verwehrt ihn zu besuchen. Von dort fuhren wir in unseren Autos weiter Richtung Norden, suchten Dünen an einem Strand welche leider nicht vorhanden waren und fanden uns plötzlich in einem alten Fort (Fort Popham) welches trotz unserem grossem kulturellen und geschichtshistorischem Interesse nichts wahnsinnig Interessantes zu sein schien. Die Autofahrt dorthin führte uns jedoch durch abgelegene Dörfer, schöne Wälder und über enge unübersichtliche Strassen. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Gegen Abend führe uns die Autofahrt in ein kleines Städtchen namens Rockland. Nachdem der erste Eindruck nicht allzu vielversprechend war, wir aber ein billiges Hostel fanden, gingen wir das Städtchen erkunden und wurden positiv überrascht. Rockland ist absolut ein kurzer Stop wert, ein schmuckes kleines Städtchen mit vielen kleinen Restaurants und Bars. Weil wir schon gegessen hatten konnten wir uns nur eine Glace in einer wunderbar eingerichteten Sandwicheria/Pizzeria/Gelatteria genehmigen. Es schien als würde dieser kleine Laden von Studenten geführt und alles mit unglaublich viel Liebe hergestellt. Zig verschiedene Glacesorten, feine Sandwiches (am nächsten Morgen/Mittag vor unserer Abreise mussten wir noch einige ausprobieren) und eine charmante Einrichtung machen einen Besuch alleweil lohnenswert!

Der Strand in Ogunquit:

Beach in Ogunquit

Riff in Cape Elizabeth:

Der dritte Tag unserer Reise war ein Sonntag und wir bereits etwas traurig nur noch zwei Tage übrig zu haben. Nach dem Aufstehen und Morgenessen ging unsere Reise weiter Richtung Acadia National Park hoch oben im Norden von Maine. Eine Fahrt dorthin lohnt sich schon alleine der Landschaft wegen welche man unterwegs durchkreuzt. Die Wälder werden immer dichter und die Dörfer immer kleiner. Die Natur in Maine scheint grösstenteils noch unberührt und frisch, eine richtig heile Welt! Der Park ist einer der zehn meist besuchten Nationalparks in den Staaten und hat sich diesen Platz sicher verdient. Gelegen auf der Mount Desert Island zeichnet er sich vor allem mit seinen felsigen Küsten, dem Cadillac Mountain (505m über Meer), welcher notabene der Punkt ist welcher den Sonnenaufgang als erstes erblickt und einem wunderschönen Sandstrand, welcher im Sommer sicher zum Baden einlädt, aus. Ich persönlich fand den Park absolut imposant und erfrischend schön. Vom Cadillac Mountain kann man den ganzen Park überblicken und sieht bis weit aufs Meer hinaus. Durch den ganzen Park führt ein „Loop-Track“ eine Einbahnstrasse welche mit dem Auto befahrbar ist. Auf der Strecke hat es verschiedene „Aussichtspunkte“ von welchen aus man sich zu Fuss auf den Weg machen kann um Fotos zu schiessen und die Schönheit des Nationalparks noch etwas natürlicher zu erfahren. Ich denke aber, dass es sich lohnen würde sich mehr Zeit zu nehmen und den Nationalpark ganz zu Fuss oder mit dem Velo zu durchkreuzen. Wir konnten uns trotz allem nicht alles anschauen und machten uns gegen Abend wieder auf den Weg Richtung Süden um am Montag rechtzeitig wieder in Boston zu sein. An diesem Sonntagabend haben wir in einem Motel am Highway i95 zwei Zimmer bezogen und den letzten Abend unserer Reise verbracht.

Strand im Nationalpark:

Aussicht vom Cadillac Mountain:

Am Montag besuchten wir auf den Heimweg noch das Outletstädtchen Freeport. Ein Ort in welchem sich zig verschiedene Outlets eingenistet haben und ihre Kleider und anderen Utensilien zu günstigen Preisen verschachern. Leider oder zum Glück konnte ich nicht allzuviel passendes finden und habe mich mit einem mehr oder weniger zufriedenen Portemonnaie auf die Weiterreise gemacht. Wieder in Boston angekommen hiess es Auto zurückbringen, in die Subway steigen, nach Hause fahren, die Eindrücke verarbeiten und die Müdigkeit mit Schlaf verdrängen. Denn am nächsten Tag war wieder Schule angesagt.

In der Woche nach unserer Reise durch Maine zerrten wir noch an den Erinnerungen und waren eigentlich überzeugt, dass das Reisen viel mehr Spass machen würde als jeden Tag in der Schule zu sitzen. Am Mittwoch dem 18.4 besuchten wir dann ein Spiel der Boston Red Sox (Baseball) im 100 jährigen Fenway Park. Ein Spiel live im Stadion zu sehen lohnt sich nicht unbedingt des Sportes wegen aber die Stimmung im Stadion ist einmalig. Es wird gegessen, getrunken, gesungen, geplappert und nebenbei ein Spiel geschaut. Kaum jemand scheint richtig interessiert zu sein am Spiel. Sind die Red Sox hoffnungslos im Rückstand warten die Zuschauer nur bis zur Mitte des achten Innings und auf den Song „Sweet Caroline“, danach wird das Stadion in Massen verlassen.

Hier noch ein Video (nicht von mir) wie der Song im Stadion gefeiert wird:

Sonst haben wir die normale Dinge gemacht wie Ausgang, Sonne geniessen (die Woche nach unserem Trip war richtig warm und schön!) und zwischendurch noch gelernt. Am Samstag dem 21.4 besuchte mich dann noch Donat (einige werden ihn kennen) aus New York (er macht dort seinen Sprachaufenthalt) und wir versuchten uns dann in einer Sightseeing Tour welche jedoch an der Tatsache scheiterte das wir keine Ducktour machen konnten. So gingen wir ins Pub und schauten wie die Boston Bruins gegen die Washington Capitals verloren (Am Mittwoch darauf war der ganze Eishockey Spass dann vorbei und die Bruins, notabene letztjähriger Stanley Cup Sieger, schieden gegen die Caps in der ersten Playoffrunde aus. Dies war ein grosser Dämpfer für die Sportbegeisterte Stadt!) Denn Sonntag verbrachten Donat und Ich im Museum of Fine Arts in Boston, was ziemlich eindrücklich und spannend ist, absolut einen Besuch wert! Sonst habe ich leider keine Ahnung mehr was es noch zu erzählen gäbe, wird aber sicher noch etwas kommen!

Angekommen.

Siebzehn Tage in Boston und zufrieden. Die Welt hier scheint in Ordnung zu sein. Die Zeit vergeht im Flug und erleben kann man einiges. Seien dies lange Nächte, welche sich in Boston am nächsten Morgen ähnlich anfühlen wie in Olten oder Eishockeyspiele im unglaublich grossen und pompösen TD Garden. In grösseren und kleineren Gruppen tingeln wir Abend für Abend durch die Stadt und versuchen nicht aufzufallen was uns aber nicht immer gelingt. Englisch lernen wollen wir auch noch und trotzdem ist alles ziemlich locker. Die Schule ist ziemlich cool, nette junge und jung gebliebene Lehrer und viele organisierte Aktivitäten welche einem den Zugang zur Stadt etwas einfacher machen. Die Stadt mag ich richtig gut, nicht zu klein und nicht zu gross, sehr europäisch und doch amerikanisch und viele junge Leute in der Stadt welche eine entspannte Atmosphäre verbreiten.

Dass ich mich nie mit der Lebensweise und Weltansicht des Durchschnittsamerikaners anfreunden werde kann ich bereits jetzt mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Demonstriert wird gegen eine Ticketpreiserhöhung bei den U-Bahnen. Ein Ticket für eine einmalige Fahrt, egal wohin und wie weit, kostet heute 2 Dollar. Ein Monatsabo für das ganze ÖV-Netz kostet 59 Dollar. Für uns Schweizer ist dies geschenkt. Essen möchten sie am liebsten immer und tun dies auch. Europa ist für sie ein einziges Land und die Schweiz liegt in Schweden. Klischees bestätigen sich am Laufmeter aber „Me don’t care“. Im TV läuft mehr Werbung als auf Sat1 und gute Sendungen sind Mangelware. Ein Studienjahr an einer Universität kostet 40’000 – 50’000 Dollar, aber die Privatisierung ist ein riesiger Erfolg. Mitt Romney wird als einzig fähiger Retter Amerikas verkauft und trotzdem ist der Wahlkampf in den Staaten irgendwie lahm, da habe ich schon etwas mehr erwartet.

Die Sportbegeisterung in Boston ist riesig, jeden Abend kann man in den Pubs ein Spiel der Celtics, der Bruins oder der Red Sox sehen und sollte nicht eines dieser Teams spielen gibt es irgendwo noch eine College Meisterschaft welche gerade zu Ende geht (Das Boston College hat die NCAA Meisterschaft im Hockey gewonnen, YAY!). Sonst sind auch alle Teams (ausser die Red Sox) richtig erfolgreich und alle Bostoner (kann man das so schreiben?) richtig glücklich.

Letzten Freitag war ein erstes von der Schule organisiertes Pub Crawl angesagt welches ein voller Erfolg war. Solche werden wir sicher noch öfters durchführen! Am Sonntag hiess es dann „Easter-Party“ mit extrem viel Essen, Eiersuchen und Schweizer Schokolade. Ich durfte die ganze Verwandtschaft meiner Gastfamilie kennenlernen und war etwas überfordert. War aber cool und mein Englisch wurde in höchsten Tönen gelobt (die haben keine Ahnung die Amis!). Wie an jedem guten Familienfest entbrannte auch hier noch eine Politikdiskussion und als einige auf Romney und Obama zu sprechen kamen war ich froh nicht Amerikaner zu sein und Stellung beziehen zu müssen. Leider scheint hier nicht ganz so klar zu sein das nur Obama wählbar ist. Bis jetzt konnte ich mich noch gut zurückhalten und meine sozialistische Weltansicht verstecken, ich glaube nicht, dass ich im Land der Freiheit grossen Applaus ernten würde.

Für das nächste Wochenende haben wir zwei Autos gemietet und werden in einer grösseren Gruppe einen Ausflug nach New Hampshire / Maine machen. Mal schauen was uns erwartet, wird aber sicher eine gute Sache. Die Amis feiern nächsten Montag ihren Patriots Day und in Boston wird Marathon gelaufen. Da bin ich nur froh wenn ich mich ausserhalb der Stadt befinde.

Soweit so einfallsreich, bis bald!

Boston gefällt

Nach fünf Tagen in Boston schwanke ich zwischen ankommen und mich fehl am Platz fühlen. Es ist eine völlig andere Welt mit völlig anderen Prioritäten. Im Grossen und Ganzen finde ich Boston jedoch super und freue mich auf die nächsten 12 Wochen hier. Mein Flug verlief ohne Probleme trotz kleinen Turbulenzen über dem Atlantik. Das Essen war wie erwartet hässlich, aber immerhin gab es etwas.

Das mich der Jetlag so arg mitnimmt hätte ich nicht gedacht. Ich hatte aber vom Samstag bis Dienstag meine liebe Mühe mit Schlafen, war extrem Müde und kriegte die Kopfschmerzen nicht weg. Sechs Stunden Zeitverschiebung sind doch nicht ganz ohne. Mitlerweile fühle ich mich jedoch frisch wie ein junges Reh. Die Schule ist ok, die Lehrer alle ziemlich durch den Wind aber lustig und die Cambridge Klassen bestehen zu 90% aus Schweizern. Ich hatte ja einige erwartet, aber dass es gerade soviele sein werden habe ich nicht gedacht. Mit etwas gutem Willen und Überwindung kann man jedoch auch unter Schweizern Englisch sprechen.

Die Gastfamilie ist absolut cool, hat mich mit offenen Armen empfangen und gibt sich alle Mühe damit ich mich wohl fühle. Hier spreche ich am Meisten Englisch und glaube viel profitieren zu können. Die ersten Pubs in Boston haben wir auch schon ausprobiert und die Sportbegeisterung ist bereits übergeschwappt. Nächsten Dienstag werden wir uns das Spiel der Boston Bruins gegen die Pittsburgh Penguins im TD Garden Live anschauen. Sonst pendle ich zwischen Revere wo ich wohne und Boston hin und her und probiere all die Eindrücke zu verarbeiten. Viel mehr gibt es noch nicht zu erzählen, sollte mir wieder etwas in den Sinn kommen, werde ich es euch hier posten.

Du.

Seit du weg bist übe ich mich im Leben. Ich trinke mich von Exzess zu Exzess, versuche zu verstehen. Dunkle Nächte, lange Nächte. Ich schwanke durch die Zeit, gefangen in Arbeit und Delirium. Du warst da, du bist da. Mit deiner Hilfe schlage ich mir die Nächte um die Ohren, kämpfe die Tage kaputt. Übe mich darin zu existieren. Ich liebe dich, du liebtest mich. Jetzt bist du weg, ich bin noch da. Ich will da sein, ich will leben. Nur etwas intensiver, nur etwas schneller. 22 Jahre hast du mich begleitet, die restlichen 40 muss ich selber gehen. Du fehlst mir. Der Abschied war kurz und voller Schmerzen, deine Art zu gehen würdevoll und unnachahmlich. Du hast meinen vollen Respekt, genau so wie du ihn immer hattest, vor dem Leben, vor deiner Familie. Meine Vergangenheit hinkt mir hinterher und die Zukunft übt sich im Rollstuhlfahren. Ich kann es nicht wahrhaben und mache es trotzdem. Nun bin ich weit weg vom Ort des Geschehens und lebe für einige Zeit am Puls der Welt. Zurückgelassen habe ich die besten Leute die man sich wünschen kann. Nur um Oberflächlichkeit und fehlende Intimität kennen zu lernen. Manchmal wäre ich gerne jemand anderes und trotzdem bin ich zufrieden was du aus mir gemacht hast. Yesterday was hard on all of us und das Morgen wird nicht besser. Wir leben in einer Zeit des Wandels und trotzdem sind wir eine Generation ohne Ziele und Ideen. Du hast immer gehadert mit unserem Unwillen etwas zu erkämpfen. Ich hadere auch damit. Wir stehen alle für nichts und doch für eine verlorene Generation. Es fehlt der Wille etwas zu verändern, es siegt die Bequemlichkeit des Seins. Wir leben von Wochenende zu Wochenende um vergessen zu können was uns unter der Woche zum Denken zwingt. Trotzdem bilden wir uns, trotzdem diskutieren wir über eine bessere Welt und trotzdem möchten wir unsere Utopien leben. Nur konnte uns bis jetzt niemand zeigen wie das geht. Ich werde den Weg gehen welchen du mir in jungen Jahren vorgezeichnet hast. Obwohl ich ihn mit fünfzehn unter keinen Umständen gehen wollte. Du wärst stolz auf mich, wärst du noch da. Ich weiss es. Wir konnten noch viel zusammen bereden. Viel konnte ich dir erzählen, viel hast du mir mitgegeben. Nun habe ich nicht mehr die Möglichkeit mich zu vergewissern es richtig Verstanden zu haben. Ich muss versuchen, ich muss hinfallen und wieder aufstehen. Es war einfacher das Leben alleine zu leben als du noch da warst. Ich möchte dir erzählen was ich erlebe. Möchte dir zeigen welche Veränderungen mein Leben erfahren hat. Von Mittwoch Abenden und Donnerstag Nächten möchte ich dir erzählen. Von blauen Augen und blonden Haaren. Ich habe dir früher zu wenig erzählt und trotzdem genug. Du hast mich verstanden wenn es nichts zu verstehen gab. Ich lese Bücher welche ich dir empfehlen würde. Höre Musik die du mögen würdest. Und denke jeden Tag an dich. Mir geht es gut, nur anders als früher. Danke für alles.

Du fehlst mir.

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Thema von Anders Norén.