Chopfsturm

Niedergeschriebene Kopfstürme

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Kategorie: KOLT

Mehr Platz!

Ich möchte mich gleich zu Beginn outen. Ich besitze kein Auto. Ich bin meistens mit den ÖV, zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs. Wenn ich mal ein Auto brauche, organisiere ich mir eines via Mobility. Wenn ich das Auto fertig gebraucht habe, kann ich es wieder auf den reservierten Mobility-Parkplatz stellen. Ich bin also auch selten auf einen Parkplatz irgendwo in der Stadt Olten angewiesen. Du kannst dich nun entscheiden, ob du weiterlesen willst, wenn ich über Parkplätze in der Stadt Olten schreibe.

Das Thema ist zurzeit brandheiss. Überall wird über den im Dezember 2017 veröffentlichten neuen Mobilitätsplan und das Parkierungsreglement diskutiert. Die Fronten sind klar: Auf der einen Seite die bürgerlichen Kräfte und das Gewerbe. Auf der anderen Seite die Linken und die VelofahrerInnen. Die einen wollen mehr oder wenigstens gleich viele Parkplätze. Die anderen weniger oder aber wenigstens mehr Veloparkplätze. Die einen sehen weniger Parkplätze und weniger Verkehr als grosse Chance für das innerstädtische Gewerbe. Die anderen sind überzeugt, dass weniger Parkplätze zu Umsatzverlusten in Millionenhöhe führen würden. Ein Konsens ist weit weg. Ich finde das schade. Ich glaube nämlich, man müsste nur nach dem gemeinsamen Nenner suchen, um Lösungen zu finden!

Wie bereits erwähnt, bin ich in meinem Alltag kaum auf Parkplätze angewiesen. Trotzdem habe ich eine Meinung zu Parkplätzen. Am liebsten sind mir unterirdische Parkplätze. Oder Parkplätze an Orten, an denen sie sich idealerweise anbieten. An Bahnhöfen zum Beispiel. Bei Firmen, die aufgrund ihrer Tätigkeit auf Parkplätze angewiesen sind. Oder bei Einkaufszentren. Weniger mag ich Parkplätze  mitten in der Stadt. Zum Beispiel auf dem Munzingerplatz. Diesen Platz mag ich nämlich richtig gut. Vor allem, wenn Chilbi ist, oder das Streetfood-Festival seine Stände dort aufbaut und keine Autos herumstehen.

Ich kann nicht verstehen, wieso dieser Platz nicht schon lange verkehrsfrei ist. Ideen, was man auf dem parkplatzbefreiten Munzigerplatz alles machen könnte, wären nämlich genug da. Eine Sommerbuvette mit kleinen Konzerten, Lesungen und anderen Kulturveranstaltungen vielleicht? Ein Platz für Kunst im öffentlichen Raum? Eine kleine Minigolf-Anlage? Das Openair-Kino im Grossformat? Im Winter eine Eisbahn für alle? Ich bin überzeugt, den OltnerInnen würde das gefallen! Und ich bin überzeugt, auch dem Gewerbe würde das gefallen! Nach einer Partie Minigolf auf dem Munzingerplatz noch kurz in der Stadt ein Buch kaufen und vielleicht noch schnell eine neue Sonnenbrille abholen? Oder einfach die Chance nutzen und noch etwas durch die Altstadt schlendern. Wenn man ja schon einmal da ist!

Ein parkplatzbefreiter Munzingerplatz würde Platz bieten für Neues. Für innovative Ideen und Projekte. Und er würde die Region um die verkehrsbefreite Kirchgasse noch mehr beleben. Vielleicht findet sich ja auf dem Munzingerplatz der gemeinsame Nenner. Und vielleicht diskutieren wir doch einfach wieder einmal über ein unterirdisches Parkhaus. Wenn’s dafür den befreiten Munzingerplatz gibt. Wieso nicht!

Meinung im KOLT Mai 2018.

Das ominöse Ranking

Immer im Sommer ist es ein Thema: Das Städteranking des Schweizer Wirtschaftsmagazins Bilanz. Dabei werden 162 Schweizer Städte anhand von 11 Themen, die sich jeweils aus mehreren Variablen (2017: 116 Variablen) zusammensetzen, bewertet. In jedem Themenbereich ergibt sich eine Platzierung von 1 bis 162 und alle Platzierungen zusammengezählt ergibt die Schlussposition im Ranking. So gut, so einfach.

Doch was hat das mit Olten zu tun? Ganz einfach: Olten taucht in einem Themenbereich ganz weit vorne auf. Im Bereich „Kultur & Freizeit“ liegt die Stadt Olten nach 2016 nämlich auch im Jahr 2017 hinter Baden und vor Neuenburg auf Rang 2! Super, oder? Der Stadtrat liess es sich jedenfalls nicht nehmen, im Regierungsprogramm 2017 – 2021 vom Oktober 2017 auf diesen zweiten Platz im Bereich Kultur und Freizeit zu verweisen. So sei die Attraktivität der Stadt Olten in den letzten Jahren nicht schwerwiegend beeinträchtigt worden „wie auch die gute Platzierung im Bilanz-Städteranking, unter anderem mit Platz 2 aller Schweizer Städte in Kultur und Freizeit, zeigt“. Auch im Oltner Stadtparlament verweisen Parteien in ihren Argumenten gegen mehr städtische Gelder im Bereich der Kultur gerne auf diesen zweiten Platz.

Doch wie ist dieser zweite Platz zustande gekommen? Wer sich die Mühe macht die Variablen für das Jahr 2017 ausfindig zu machen, wird leider nicht fündig. Auf der Webseite der Bilanz sind nur die Variablen für das Jahr 2011 zu finden und diese lassen sich grob in drei Kategorien aufteilen. Kategorie 1 ist die Anzahl von Angeboten im Bereich Kultur & Freizeit in der Stadt. Kategorie 2 ist die Anzahl von Angeboten pro 1000 Einwohner und Kategorie 3 ist Anzahl der Angebote die in 15 Minuten vom Stadtzentrum aus erreichbar sind. In die Bewertung fliessen ausserdem die kommunalen Ausgaben für Kultur und Freizeit pro Kopf ein. Das Städteranking wird also auf der Grundlage von quantitativen Daten erstellt. Qualitative Kriterien fliessen nicht in die Beurteilung ein. So ist weder die Diversität des Angebots ein Kriterium noch die Fragen, auf welcher Basis diese Angebote überhaupt existieren, wer sich diese Angebote leisten kann oder inwiefern die städtische Politik zur Existenz der Angebote beiträgt.

Es ist unumstritten, dass die Stadt Olten für ihre Grösse über ein breites Kultur- und Freizeitangebot verfügt. Für fast jeden Geschmack gibt es etwas. Sei das ein Museum, ein Theater, das Kino, Bars, Clubs, Konzertlokale oder Sportvereine aller Art. Damit lässt sich auch die gute Platzierung erklären. Aus eigener Erfahrung weiss ich aber, dass ein Grossteil dieser Angebote ohne Freiwilligenarbeit nicht existieren würden. Den zweiten Platz im Bereich Kultur & Freizeit hat die Stadt Olten in erster Linie ganz vielen Freiwilligen zu verdanken. Sie sind es, welche sich für die vielen Angebote zuständig zeigen. Will die Stadt diesen zweiten Platz halten, dann muss sie zu Ihren Freiwilligen Sorge tragen. Sie muss die geleistete Arbeit wertschätzen. Sie muss die Kulturschaffenden und die Sportbegeisterten in ihrer Arbeit unterstützen. Macht sie das nicht, reden wir schon bald nicht mehr über diesen zweiten Platz.

Meinung im KOLT Januar 2018.

Der Oltner Sommer

Wochenende für Wochenende begegnete man sich in den Strassen und auf den Plätzen Oltens und feierte wunderbare Feste. Am 27. Mai liessen sich zum Beispiel auf dem Vorplatz der Schützi beim Streetsoccer sportliche Meriten erwerben. Am 3. Juni fand bereits zum zweiten Mal das „Dreitannen-Open“ auf der Bifangmatte statt. Gleichzeitig verwöhnte man sich kulinarisch vom 2. bis 4. Juni auf der Kirchgasse am StreetFood Festival. Am 11. Juni gings weiter mit der sportlichen Betätigung – am 12. SP Plausch-Fussballturnier krönte sich die talentierteste Grümpi-Mannschaft nämlich zum inoffiziellen Fussball-Meister der Stadt Olten. Vom 15. bis 18. Juni nahm man es dann etwas gemütlicher und schaute an der Coop Beachtour den Profis beim Sport zu. Am Abend liessen sich die lauen Sommernächte dank dem Rahmenprogramm auf der Kirchgasse durchfeiern. Zum Abschluss des Junis vergewisserten sich die Zuschauer dem Vorplatz der Schützi, dass die Feuerwehr Olten seit 200 Jahren einen unglaublichen Job macht.

Vom 30. Juni bis 2. Juli konnte man am Schul- und Stadtfest die Nächte zum Tag machen und dabei am 1. Juli nebenbei noch Weltmeister im Bürostuhlrennen werden. Mit einbandagierten Schürfungen gings dann vom 4. bis 7. Juli in den Zirkus, da der Knie wie in jedem Jahr auf der Schützenmatte gastierte. Am 21. Juli & 22. Juli hiess es, mit den Jungs der Paraiba ihren zweiten Geburtstag zu feiern und eine Woche später war es Zeit für eine weitere City Lounge vor dem Gryffe. Vom 12. Juli bis 30. Juli pilgerten die Oltner*innen vor dem Ausgang noch kurz ins open youcinema, um auf dem Platz der Begegnung die neusten Filme in wunderbarer Atmosphäre zu geniessen.

Den 1. August feierte die Stadt wieder einmal auf dem Klosterplatz und bestaunte das Feuerwerk beim Ländiweg. Am 3. und 4. August zog es dann alle auf die Schützenmatte, wo sie unter den Bäumen bei schönstem Wetter dem 1. OltenAir beiwohnten. Kaum waren die letzten Zelte des OltenAir abgebaut, stieg schon die Vorfreude auf die Chilbi vom 11. bis 14. August. Am 15. August hatten dann alle die Möglichkeit, sich von den Strapazen des ereignisreichen Sommers zu erholen und den Schulstart am 16. August vorzubereiten. Als dann auch das Coq d’Or am 18. und 19. August die Sommerpause für beendet erklärte, war allen klar, dass dieser Sommer nun wohl leider vorbei ist.

Unzählige engagierte und motivierte Menschen haben in diesem Sommer die Stadt belebt. Unter anderem dank unbezahlbarer Freiwilligenarbeit wurden Projekte auf die Beine gestellt, die weit über die Stadtgrenze hinaus das Bild der Stadt Olten prägen. Es ist zu wünschen, dass der Sommer 2018 in der Stadt Olten nicht weniger belebt wird. Wenn dann die Initiativen der Oltner*innen von Seiten der Regierung und der Verwaltung noch mehr unterstützt werden und vielleicht sogar längere Bewilligungen für Veranstaltungen auf Aussenplätzen möglich sind, dann freue ich mich noch auf manchen schönen Sommer in Olten!

Meinung im KOLT September 2017.

Der Kodex

Es ist wieder soweit: Olten wählt! Damit die Kandidierenden bekannt werden, müssen Ihre Gesichter immer und immer wieder im öffentlichen Raum auftauchen. An Laternenpfählen, an selbstgebastelten Holzkonstruktionen auf Blumenwiesen und auf kostspieligen Plakatwänden oder kostenfreien Plakatständern. Die Stadt Olten stellt während den Wahlmonaten in der Altstadt und vor dem Sälipark zusätzlich unentgeltliche Plakatstellwände für politische Werbung. Ausserdem stehen den Parteien in der Winkelunterführung Schaufenster zur Verfügung.

Neben diesen offiziellen Möglichkeiten für Werbung gibt es in Olten laut offiziellen Angaben noch zwölf Standorte für den freien Plakataushang: Bahnhofpassage, Bahnhofplatz, Stadtpark, Sälischulhaus, Holzbrücke, Mühlegasse, Munzingerplatz, Parkplatz Stadthalle, Winkelunterführung, Kantonsspital, Bifangplatz, Sälipark. Diese Standorte dienen dem Aushang von Plakaten für Veranstaltungen in Olten. Sie sollen den Veranstaltenden ermöglichen, die eigenen Veranstaltungen kostengünstig zu bewerben.

Diese Plakatwände werden rege genutzt, und es hat sich unter den vielen verschiedenen Veranstaltenden in Olten mittlerweile ein Freier-Plakataushang-Kodex etabliert. Wenn immer möglich werden Plakate im A3-Format gedruckt und aufgehängt. So passen mehrere Plakate nebeneinander auf die Plakatwand. Plakate werden wenn möglich nicht überklebt – und falls es nicht anders geht, dann überklebt man zuerst Plakate, welche Veranstaltungen aus anderen Städten bewerben. Wenn sich jemand nicht an den Kodex hält, reicht oft eine SMS, ein Telefon oder eine kurze Facebook-Nachricht, und alles ist wieder gut. Diese Regeln sind nirgendwo niedergeschrieben und müssen regelmässig wieder in Erinnerung gerufen werden. Aber es funktioniert.

Ganz anders sieht die Situation in den Wahlmonaten aus. Da die Wände immer jeden zweiten Montag durch den Werkhof gereinigt werden, suchen die Veranstalterinnen und Veranstalter die Plakatwände meistens am darauffolgenden Dienstag auf. Die Situation, welche sie dort antreffen, ist nicht vergleichbar mit den Dienstagen ausserhalb der Wahlmonate. Die Plakatwände sind voller nett lächelnder Gesichter. Es wird durchsichtiger Klebstreifen benutzt, anstelle des allseits akzeptierten Malerklebebandes. Plakate werden willkürlich überklebt und manchmal sogar abgerissen. Es werden mehrfach die gleichen Plakate nebeneinander geklebt, und auf keinem der Plakate ist eine Veranstaltung zu finden. Es scheint, als wäre der ungeschriebene Freier-Plakataushang-Kodex nie bis in die Oltner Parteizentralen vorgedrungen.

Deshalb habe ich eine Bitte: Liebe Oltner Parteien; Für Veranstalterinnen und Veranstalter sind die vorhandenen Plakatwände in Olten wichtig. Versucht doch deshalb, die wertvollen Plätze, wenn überhaupt nötig, sparsam zu nutzen. Gebt den vielen, oft ehrenamtlich arbeitenden Veranstalterinnen und Veranstaltern Vortritt und nutzt die extra für die Wahlen aufgestellten Plakatwände! Die Oltner Kulturszene ist euch dankbar.

Meinung im KOLT April 2017.

Das Ende einer Ära

Das Jahr 2016 war ein trauriges Jahr. David Bowie, Umberto Eco, Prince, Muhammad Ali, Leonard Cohen und der weltweit berühmte Clown Dimitri, um nur einige zu nennen, sind dieses Jahr gestorben. Etwas lokaler, aber nicht weniger traurig ist das Ableben von Beat „Pädu“ Anliker. Der Tod einer Legende des Thuner, Berner und Schweizer Kulturbetriebs. Das Herz und die Seele des Mokka Thun.

Er hat mit seinem Kulturlokal in einer „Kleinstadt“ 30 Jahre lang gezeigt, dass junge Kultur auch an Orten wie Thun möglich ist. Er eckte an, empörte sich, lief auf, verweigerte sich – und doch haben sie ihn in Thun geliebt. Mit seiner eigenwilligen Art, sein Lokal zu führen, war und ist er ein Vorbild für viele. Anfang November hätte ihm als Anerkennung für seine Arbeit der Thunpreis verliehen werden sollen. Er erhielt ihn am 1. November 2016 posthum.

Mit Pädu Anliker geht eine wichtige Stimme verloren. Eine Stimme, die sich immer klar und unmissverständlich zu aktuellen gesellschaftlichen Themen geäussert hatte. Er legte sich mit Behörden an, um der Kultur Raum zu verschaffen. Er war ein Störenfried und ein Kämpfer für das grosse Ganze. Er kämpfte unbewusst auch für Olten. Mehr, als dies Olten im Moment für sich selber zu tun scheint.

Ende September hat der Verein Provisorium 8 kommuniziert, keine neue Leistungsvereinbarung mit der Stadt Olten für das Jahr 2017 anzustreben. Die Gründe sind verständlich. Immer weniger Geld, immer kürzere Leistungsverträge und, damit verbunden, immer grössere Unsicherheiten. Vorderhand wird die Jugendarbeit mit der Hälfte der bisherigen Betriebsbeiträge durch die Stadt Olten weitergeführt.

An Pädu Anliker wäre ein solcher Entscheid nicht spurlos vorbei gegangen. Das Provi 8 ist, wie das Mokka Thun, ein Kind der 80er-Jahre. Zuerst 30 Jahre als Färbi und dann 7 Jahre als Provi betrieben, ist es ein Statement aus einer fast vergessenen Zeit. Einer Zeit, in der die ersten Jugendhäuser erkämpft werden mussten. Einer Zeit, in der junge Kultur im Versteckten stattfinden musste. Wir haben der Generation von Pädu Anliker und Co vieles zu verdanken. In Olten wurde der Entscheid des Vereins Provi 8 jedoch einfach zur Kenntnis genommen. 37 Jahre Färbi und Provi wurden in einer sachlichen Medienmitteilung zusammengefasst. Provi hört auf, Stadt übernimmt, fertig.

Wenn uns das Jahr 2016 also etwas lernen sollte, dann, dass wir uns nicht auf den Lorbeeren der letzten Generation ausruhen können. Die Stimmen dieser Generation werden leiser und werden eine nach der andern in den nächsten Jahren verstummen. Wir können uns nicht mehr auf die Pädus’ verlassen, wenn es darum geht, Stellung zu beziehen. Wir müssen selber wieder kämpfen und müssen uns selber positionieren. Auch Olten braucht Menschen, die – wenn nötig lautstark – für ihre Stadt einstehen. Die kritisch-hinterfragend sind und das Beste für Olten wollen. Wir brauchen Haltungen, Diskussionen und die Räume dazu. Und zwar ab sofort.

Meinung im KOLT Dezember 2016.

Kultur der Eigeninitiative

Ganz erstaunt und auch ein bisschen erfreut war ich, als ich die Plakate von Olten Tourismus in Zürich, Bern, Luzern und Solothurn sah. Vielleicht werde ich ja nun in den „Grossstädten“ der Schweiz nicht mehr nur auf den Oltner-Bahnhof sondern auf den Schriftstellerweg angesprochen! Doch so richtig ausbreiten wollte sich die Euphorie über diese zweifellos gelungene Werbeaktion bei mir dann doch nicht. Damit ihr mich richtig versteht: Ich bin ein Fan des neu geschaffenen Schweizer Schriftstellerwegs in Olten. Ich bin überzeugt, dass er eine Breitenwirkung haben wird und Touristen nach Olten lockt. Doch reicht das?

Ich höre sie bereits fragen, wann denn nach der Literatour der erste Zug zurück nach Zürich, Luzern, Bern oder Solothurn fahre; Und ob es stimme, dass man jede halbe Stunde aus Olten rauskomme, und ob ich ihnen das schriftlich geben würde? Ich würde dann anfangen zu erzählen, so wie ich es immer mache, dass Olten völlig unterschätzt sei. Das man sich nur die Zeit nehmen müsse und die Stadt entdecken solle. Gerade das kulturelle Angebot in Olten sei für eine Kleinstadt einmalig. Vier Museen gebe es für die Museumsinteressierten nach der Literatour zu besichtigen. Für die Theater- und Kleinkunstbegeisterten biete sich das Theaterstudio, das Schwager- oder das Stadttheater an. Für Konzerte würde sich die Variobar, das Coq d’Or, die Paraiba oder das Galicia eignen. Vielleicht gebe es sogar etwas in der Schützi zu sehen. Auch ins Kino könne man in Olten. Und sowieso sei Olten eine der Städte in der Schweiz, welche mit der höchsten Dichte an guten Restaurants, Bars und Cafés aufwarten könne.

Die Leute würden dann erwidern, dass sie davon noch gar nichts gehört hätten. Dass auf der Webseite des Schriftstellerwegs oder auf der Webseite der Stadt Olten gar keine Infos zum kulturellen Angebot in Olten zu finden seien. Ich werde ihnen dann ein bisschen Recht geben müssen. Vielleicht würde ich dann versuchen, mit ihnen über das fehlende Kulturkonzept der Stadt Olten zu diskutieren. Darüber, wie sich Ende 2013 die Kulturszene in Olten in der kalten Stadtkirche getroffen hatte, um das bedrohte Kunstmuseum vor der Schliessung zu retten. Darüber, dass man seither viel enger zusammenarbeite in der Stadt. Eine Entwicklung, die ohne die finanziellen Schwierigkeiten der Stadt Olten noch Jahre gedauert hätte. Ich würde dann auch nicht ohne Stolz erzählen, dass daraus doch schon einiges entstanden sei: Etwa der Kulturtag im Mai 2014, die Gründung des Vereins „Pro Kultur Olten“ im September 2014 oder das Zwischennutzungsprojekt Tattarletti.

Irgendwann würden mich die Leute dann unterbrechen und fragen, welche Rolle die Stadt dabei übernommen habe. Ich würde dann zurückdenken an die vergangenen knapp zweieinhalb Jahre. Ich würde mich erinnern an die netten Worte des Stadtpräsidenten bei den Podiumsdiskussionen und das Beschwören der Eigeninitiative der Kulturschaffenden durch die Politik. Ich würde lächeln und sagen, dass die Stadt kaum Stellung zu kulturellen Betrieben bezieht. Dass die Wertschätzung oft fehlt. Während zweieinhalb Jahren ist in der Kulturszene in Olten sehr viel passiert; doch die Stadt steht immer noch am selben Punkt. Ohne Strategie und ohne Konzept.

Meinung im KOLT Sommer 2016.

Idomeni.

Zwischen zwei Getränken unterhalten wir uns in Sprachen die wir nicht sprechen. Versuchen zu verstehen, was den Mensch zur Zerstörung treibt. Wir stehen da, mit offenen Armen und niemand rennt hinein. Die Bilder der Menschen auf der Flucht ziehen vor unseren Augen vorbei und wir weinen. Wir sind darauf nicht vorbereitet worden, so scheint es. Unsere Träume waren immer gross. Wir sprechen von Impact und Output und ziehen Bilanz. Aber das ist mehr als gross. Hier reichen 140 Zeichen nicht. Wir bleiben vor flimmernden Bildschirmen stehen und versuchen in Worte zu fassen was passiert. Wir schauen in die Augen der Leute und sehen unser Spiegelbild. Bomben explodieren und Menschen sterben in Städten die wir besucht haben. Das können wir nicht. Wir twittern.
Wir wollen die Bilder vergessen.

Idomeni. Ein Wort das klingt wie Poesie aber alles andere verkörpert. Idomeni hat sich wie ein Mantra in unseren Köpfen festgesetzt. Idomeni steht für unsere Fehler. Für unsere Untätigkeit. Für unsere Hilflosigkeit. Für unser Versagen. Wir blicken tief in unsere Gläser und erhoffen uns Antworten auf die grossen Fragen. Wir hätten es in der Hand so scheint es. Wir könnten den Unterschied ausmachen. Doch wir packen es nicht. Paris, Tunis, Garissa, Zvornik, Port El-Kantaoui, Kuwait, Leego, Mogadischu, Gombe, Suruc, Daglica, Ankara, Beirut, Bagdad, Paris, Sarajevo, Bamako, San Bernardino, Pathanok, Istanbul, Jakarta, Ouagadougou, Peshawar, Mogadischu, Kairo, Ankara, Aden, Jerusalem, Ankara, Grand-Bassam, Istanbul, Brüssel, Al-Asrija, Lahore, Diyarbakir. Es trifft uns alle. Fast täglich und überall.
Deshalb können wir die Bilder nicht vergessen.

Aarburg, Beinwil am See, Deitingen, Menziken, Amden, Gretzenbach, Safenwil, Giffers, Oberwil-Lieli, St. Urban, Bremgarten. Sie bauen Mauern und Zäune an den Grenzen und in ihren Köpfen. Sie sehen ein volles Boot und fürchten um Ihre Kultur. Wir diskutieren und planen, wir wählen und stimmen ab. Sie sprechen von Volk, von richtigen und falschen, von Gut und Böse. Sie rufen in den Kommentarspalten zu Gewalt auf, sprechen von Widerstand und von Bürgerkrieg. 924 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland im Jahr 2015. Unsere Nachbarn machen ernst. Wir wollen aufklären und vermitteln. Wollen argumentieren, verhandeln und erklären. Sie argumentieren nicht, sie verhandeln nicht. Wir sollten aufstehen und schreien. Sollten für die Menschenrechte einstehen und kämpfen. Sollten handeln, bewegen und ändern.
Denn wir dürfen die Bilder nie vergessen.

Petra & Nils im  KOLT Mai 2016.

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