Licht mitten ins Gesicht, Licht an einem Morgen welcher kein Morgen sein sollte. Er darf sich nicht bewegen weil alles schmerzt. Die Galle sitzt ihm im Hals und hämmernd im Innern seines Kopfes macht sich die Ethanolvergiftung der letzten Nacht bemerkbar. Man weiss immer was einen erwartet wenn man das Glas ansetzt und trotzdem funktioniert der Verdrängungsprozess einwandfrei. Wie mancher Sonntag ist verstrichen an welchen er sich nicht Erinnern kann. Wie mancher Morgen wurde zur Tortur nur um einen Abend voller kurzer Glücksmomente zu erleben. Er würde es nicht missen, nicht diese Nächte. Nächte voller Erwartungen und Enttäuschungen, voller Liebe und Hass, voller Leidenschaft und Teilnahmslosigkeit. Torkelnd geht er durchs Leben nur um nicht wahrnehmen zu müssen was sich Realität nennt. Der Heimweg ist ein Akt der Zerstörung und der Blick in den Spiegel erfordert ein weiteres Remeron. Gestern war zuviel, dieses letzte Bier hätte er stehen lassen sollen. Es ist wie immer, die Verantwortung ruft und er spült sie herunter mit dem nächsten Drink. Er ist nicht bereit Verantwortung zu übernehmen. Abend für Abend landet er am selben Punkt, genau so gestern. Nur kurz auf ein Bier in seine Stammbar, nur kurz seine Freunde treffen. Den neuen Arbeitsplatz hat er seit drei Wochen und bereits zweimal verschlafen. Ich werde versuchen das Trinken sein zu lassen – sagt er leise zu sich selbst .

Wieder so eine Party, wieder so eine Stimmung, wieder so eine Frau. Er kann sich nicht wehren, er muss eskalieren, muss sich spüren, nur diese Momente lassen ihn begreifen, dass er lebt. Sie sind viele und trotzdem ist jeder einsam. Die eigenen Empfindungen kann niemand verstehen, nie wird jemand wissen wie er denkt und fühlt. Nur in Zeiten des Rausches fühlen sie sich verstanden. Mit schwerer Zunge und leerem Kopf sprechen sie in Phrasen und nennen sich Philosophen. Sie leben gerne, sie sind jung und sie sind mutig. Sie sind die Zukunft und wissen nicht ob sie bereit sind dafür. Unter ihnen hat es Menschen welche in einigen Jahren die Geschicke der Welt leiten sollten und doch fühlt sich keiner von ihnen bereit. Nicht am Abend, nicht in der Nacht und schon gar nicht am nächsten Morgen. Ich werde versuchen das Trinken sein zu lassen – sagt er leise zu sich selbst .

Es klingelt an der Tür und er kann sich nicht bewegen. Er weiss genau, dass sie es ist und er weiss auch genau was sie sagen wird. Sie wird ihn anschauen mit ihren grossen Augen, wird ihm sagen, dass sich etwas verändert hat in den letzten Wochen, das er sich verändert habe und sie sich entfernt. Sie wird ihm von Robert erzählen. Aber Freunde bleiben möchte sie. Er öffnet die Tür nicht, denn solange er die Tür nicht öffnet ändert sich nichts an der Situation. Dem Unausweichlichen ausweichen in dem man sich den Situationen entzieht. Er nimmt das Gras aus seinem kleinen Holzkistchen welches immer unter dem Sofa liegt. Nachdem er mit ihr zusammengekommen war hatte er aufgehört damit, er hatte auch das Trinken aufgegeben. Sie schien perfekt, er war süchtig nach ihr. Sie machte Ihn zu etwas besserem und trotzdem nahm sie ihm alles was er hatte. Ich werde mit dem Trinken wieder anfangen – sagte er leise zu sich selbst.

Er kann sich nicht beklagen, will sich nicht beklagen. Das Leben war bis jetzt immer mehr oder weniger gut  zu ihm. Es hat ihm einiges verziehen und ihn immer neue Fehler machen lassen. Aber sie häufen sich wieder in letzter Zeit. Die Nächte werden immer länger, die Tage schmerzhafter. Er stiehlt sich aus seiner Verantwortung für sein Leben, er rettet sich auf eine schwimmende Boje um Halt zu finden aber nicht gebunden zu sein. Die Zeit rennt im davon und er hinter her. Er packt es nicht mehr zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Immer wieder fällt er hin immer wieder steht er auf, immer wieder fährt ihm die U-Bahn vor der Nase weg. Er möchte anders sein, er möchte sich sein, so sein wie er mal war. Aber er möchte auch jetzt sein, er möchte sein, er möchte leben. Es fällt ihm schwer sich zu ändern, sich hinzugeben. Lange war er perfekt, alles schien zu funktionieren, sein Leben war kontrolliert. Nun ist er ausgebrochen, er fühlt sich frei und doch gefangen in seinem Anspruch frei zu sein. So vieles müsste er erleben, so vieles müsste er machen und doch hält er sich zurück. Ich werde mein Leben ändern, ich werde es gut machen – sagte er leise zu sich selbst.