Ich sitze da, spüre meine Beine und Arme nicht mehr, kann nicht sprechen. Was ist los, was ist geschehen? „Ist hier noch frei?“ – keine Reaktion meinerseits, ich kann nicht, ich möchte sprechen, möchte sagen „Ja klar, nehmen sie Platz schöne Frau“ – oder „Aber sicher doch, für sie immer“ – Ich möchte lächeln, möchte Ihr zeigen, dass Sie mir gefällt. Aber ich kann mich nicht bewegen. „Sorry, ist hier noch frei?“ – sie fragt noch einmal. Ich nicke, nicken kann ich noch. Ich hasse mich, ich verfluche mich. Sie nimmt Platz, ich hatte ja auch genickt und trotzdem ist es mir nicht recht. Ich bin blockiert, innerlich verkümmert. Ich sehe alles klar und doch verschwommen. Bin Gefangen in meinem eigenen Körper und mir fehlt der Schlüssel mich zu öffnen. Ich sitze da, starre aus dem Fenster und betrachte aufmerksam die wunderschöne Landschaft. Gerne würde ich mich ihr mitteilen, würde ihr erzählen was ich sehe, der schönen Frau neben mir. Aber ich kenne sie nicht und ich kenne mich nicht, ich bin nicht ich. Seit einigen Wochen lebe ich in dieser Blase. Die Umwelt präsentiert sich mir immer in verschwommenem Zustand und ich versuche jeden Tag aufs neue die Fenster zu putzen und mir eine klare Sicht zu verschaffen. 

Ich schrecke auf, versuche zu sprechen, es funktioniert. Schon wieder dieser Traum, schon wieder keine Ahnung was es mir sagen will. Seit Wochen träume ich immer wieder die gleiche Situation, immer die gleichen Bilder, immer die gleiche Geschichte. Ich suche die Zigaretten auf meinem Nachttisch, meine immer gleiche Reaktion auf Stresssituationen. Seit einigen Wochen rauche ich auch im Schlafzimmer, etwas das ich mir früher immer verboten hatte. Doch seit ich mein erstes Bier bereits am Morgen trinke finde ich auch im Bett zu rauchen nicht mehr verwerflich. Ich weiss nicht wann es angefangen hatte, wann ich die Kontrolle verloren habe. Vielleicht war es als sie mich sitzen gelassen hatte, oder die Kündigung vor 4 Monaten, wobei ich ja froh bin muss ich dieses Arschloch von einem Chef nicht mehr jeden Tag sehen. Aber ehrlicher wäre wohl, dass diese Situationen nur eingetreten sind weil ich bereits ein Alkoholproblem hatte und nicht umgekehrt. Ich atme den Rauch aus, es fühlt sich gut an. Nach dem dritten Zug an der Zigarette folgt das obligate Husten. Ich liebe es, es zeigt mir, dass sich meine Lunge noch nicht ganz aufgegeben hat, dass sie sich noch wehrt. Es ist wie in einer Schlägerei, wenn der Gegner noch zurückschlägt obwohl er bereits am Boden liegt. Ich mag meine Lunge, sie versucht mich zu einem besseren Menschen zu machen. Irgendwann werde ich ihr dabei helfen, aber im Moment fehlt mir die Energie. Seit Wochen lebe ich von Rausch zu Rausch, versuche die Zeit dazwischen zu vergessen und mich zu schützen vor dem was kommt. Ich packs nur noch mit Alkohol. Fühle mich schlecht und verdränge es mit anderen Drogen.

Seit zwei Tagen habe ich nichts mehr getrunken, mein Mund ist trocken, die Hände zittern und ich bin nervös. Es ist ein grausamer Kampf den ich führe und den ich wahrscheinlich nur verlieren kann. Ich will nicht aufgeben, ich will es schaffen. Nicht wegen mir, aber wegen Ihr. Sie ist gekommen, zurückgekommen, wir wollen es noch einmal versuchen. Unter der Bedingung, dass ich nicht mehr trinke. Ich habe es ihr versprochen, hundertmal habe ich es ihr versprochen. Ich weiss, dass es sich lohnt und trotzdem ist es das verdammtnochmalschlimmste was ich mir je angetan habe. Ich irre durch die Räume, komme nicht zur Ruhe. Am Abend geht es, am Abend ist sie zuhause, am Abend lenkt sie mich ab. Den Tag durch arbeitet sie und überlässt mich mir selber. Ich will nichts mehr als mir irgendwelchen Alkohol zuführen, nur damit das verdammte Zittern aufhört, damit die Stimmen im Kopf Ruhe geben und damit ich endlich wieder einmal richtig gut schlafen kann. Aber ich will kämpfen, ich will es packen.

„Guten Morgen“ meint sie mit einer unerträglichen Fröhlichkeit als ich meine Augen öffne. Ich will nicht neben dieser Frau liegen, ich will nicht mit ihr aufwachen. Der Sex war gut, da gibt es nichts zu meckern. Sie ist extrem beweglich und lässt einiges mit sich anstellen. Aber sie ist nicht die Frau neben der ich am Morgen aufwachen will. Ich hatte wieder getrunken, nach drei Wochen Abstinenz. Sie hat es mitgekriegt und hat sich verabschiedet. Ich Vollidiot habe noch mehr getrunken, immer mehr. Und jetzt liege ich hier, neben dieser anderen Frau die sich nicht richtig anfühlt. In einem Bett welches nach abgestandenem Bier, Zigarettenrauch und Kotze von letzter Nacht riecht. Ich hasse mich, ich verabscheue mich. Der Spiegel am Kleiderschrank lacht mich aus und mir stösst der Tequila von letzter Nacht auf. Ich habe diesen Schnaps schon immer gehasst, ich kann nicht damit umgehen. Ich schlage meinen Kopf mehrmals gegen die Wand, versuche so klaren Kopf zu kriegen. Zum Magenbrennen gesellen sich nun noch Kopfschmerzen und ich weiss, dass ich es verdient habe. Ich bin ein Feigling, ein Opfer. Packe es nicht mein Leben auf dir Reihe zu kriegen und verletze den einzigen Menschen, der je für mich da war.

So, genau so muss er sich anfüllen, der Aufprall auf dem Boden der Realität. Ich hatte gerade eine längere Zeit in der schönsten Seifenblase der Welt gelebt und nun das. Es kam unvermittelt, wie sollte ich es auch erwarten, war doch alles gut. Nein gut ist untertrieben, alles war am Besten. Die Zeit schien die Zeiger verloren zu haben, alles lief wie im Fluss. Keine Probleme schienen sich anzubahnen, wichtig war nur das hier und jetzt. Ich sitze da, spüre wie es mich durchdringt, dieses Gefühl der Leichtigkeit des Seins. Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und schliesse langsam die Augen. Ich spüre ein kribbeln in den Beinen und die Tränen laufen mir die Wangen herunter. Der Versuch zu fliehen ist wieder einmal gescheitert. Gescheitert an der Tatsache, dass es keine Flucht gibt. Und trotzdem versuche ich es immer wieder. Der Raum scheint über mir zusammenzubrechen, die Wände kommen immer Näher. Ich möchte mich bewegen, möchte dem Ganzen etwas entgegensetzen und kann nur zusehen. Meine Brust schnürt sich zusammen und ich kriege kaum mehr Luft. Verdient hab ichs ja, mehr als verdient. Und trotzdem macht es mir Angst, jedes mal macht es mir Angst.