Zwischen zwei Getränken unterhalten wir uns in Sprachen die wir nicht sprechen. Versuchen zu verstehen, was den Mensch zur Zerstörung treibt. Wir stehen da, mit offenen Armen und niemand rennt hinein. Die Bilder der Menschen auf der Flucht ziehen vor unseren Augen vorbei und wir weinen. Wir sind darauf nicht vorbereitet worden, so scheint es. Unsere Träume waren immer gross. Wir sprechen von Impact und Output und ziehen Bilanz. Aber das ist mehr als gross. Hier reichen 140 Zeichen nicht. Wir bleiben vor flimmernden Bildschirmen stehen und versuchen in Worte zu fassen was passiert. Wir schauen in die Augen der Leute und sehen unser Spiegelbild. Bomben explodieren und Menschen sterben in Städten die wir besucht haben. Das können wir nicht. Wir twittern.
Wir wollen die Bilder vergessen.

Idomeni. Ein Wort das klingt wie Poesie aber alles andere verkörpert. Idomeni hat sich wie ein Mantra in unseren Köpfen festgesetzt. Idomeni steht für unsere Fehler. Für unsere Untätigkeit. Für unsere Hilflosigkeit. Für unser Versagen. Wir blicken tief in unsere Gläser und erhoffen uns Antworten auf die grossen Fragen. Wir hätten es in der Hand so scheint es. Wir könnten den Unterschied ausmachen. Doch wir packen es nicht. Paris, Tunis, Garissa, Zvornik, Port El-Kantaoui, Kuwait, Leego, Mogadischu, Gombe, Suruc, Daglica, Ankara, Beirut, Bagdad, Paris, Sarajevo, Bamako, San Bernardino, Pathanok, Istanbul, Jakarta, Ouagadougou, Peshawar, Mogadischu, Kairo, Ankara, Aden, Jerusalem, Ankara, Grand-Bassam, Istanbul, Brüssel, Al-Asrija, Lahore, Diyarbakir. Es trifft uns alle. Fast täglich und überall.
Deshalb können wir die Bilder nicht vergessen.

Aarburg, Beinwil am See, Deitingen, Menziken, Amden, Gretzenbach, Safenwil, Giffers, Oberwil-Lieli, St. Urban, Bremgarten. Sie bauen Mauern und Zäune an den Grenzen und in ihren Köpfen. Sie sehen ein volles Boot und fürchten um Ihre Kultur. Wir diskutieren und planen, wir wählen und stimmen ab. Sie sprechen von Volk, von richtigen und falschen, von Gut und Böse. Sie rufen in den Kommentarspalten zu Gewalt auf, sprechen von Widerstand und von Bürgerkrieg. 924 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland im Jahr 2015. Unsere Nachbarn machen ernst. Wir wollen aufklären und vermitteln. Wollen argumentieren, verhandeln und erklären. Sie argumentieren nicht, sie verhandeln nicht. Wir sollten aufstehen und schreien. Sollten für die Menschenrechte einstehen und kämpfen. Sollten handeln, bewegen und ändern.
Denn wir dürfen die Bilder nie vergessen.

Petra & Nils im  KOLT Mai 2016.