Chopfsturm

Niedergeschriebene Kopfstürme

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Angekommen.

Siebzehn Tage in Boston und zufrieden. Die Welt hier scheint in Ordnung zu sein. Die Zeit vergeht im Flug und erleben kann man einiges. Seien dies lange Nächte, welche sich in Boston am nächsten Morgen ähnlich anfühlen wie in Olten oder Eishockeyspiele im unglaublich grossen und pompösen TD Garden. In grösseren und kleineren Gruppen tingeln wir Abend für Abend durch die Stadt und versuchen nicht aufzufallen was uns aber nicht immer gelingt. Englisch lernen wollen wir auch noch und trotzdem ist alles ziemlich locker. Die Schule ist ziemlich cool, nette junge und jung gebliebene Lehrer und viele organisierte Aktivitäten welche einem den Zugang zur Stadt etwas einfacher machen. Die Stadt mag ich richtig gut, nicht zu klein und nicht zu gross, sehr europäisch und doch amerikanisch und viele junge Leute in der Stadt welche eine entspannte Atmosphäre verbreiten.

Dass ich mich nie mit der Lebensweise und Weltansicht des Durchschnittsamerikaners anfreunden werde kann ich bereits jetzt mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Demonstriert wird gegen eine Ticketpreiserhöhung bei den U-Bahnen. Ein Ticket für eine einmalige Fahrt, egal wohin und wie weit, kostet heute 2 Dollar. Ein Monatsabo für das ganze ÖV-Netz kostet 59 Dollar. Für uns Schweizer ist dies geschenkt. Essen möchten sie am liebsten immer und tun dies auch. Europa ist für sie ein einziges Land und die Schweiz liegt in Schweden. Klischees bestätigen sich am Laufmeter aber „Me don’t care“. Im TV läuft mehr Werbung als auf Sat1 und gute Sendungen sind Mangelware. Ein Studienjahr an einer Universität kostet 40’000 – 50’000 Dollar, aber die Privatisierung ist ein riesiger Erfolg. Mitt Romney wird als einzig fähiger Retter Amerikas verkauft und trotzdem ist der Wahlkampf in den Staaten irgendwie lahm, da habe ich schon etwas mehr erwartet.

Die Sportbegeisterung in Boston ist riesig, jeden Abend kann man in den Pubs ein Spiel der Celtics, der Bruins oder der Red Sox sehen und sollte nicht eines dieser Teams spielen gibt es irgendwo noch eine College Meisterschaft welche gerade zu Ende geht (Das Boston College hat die NCAA Meisterschaft im Hockey gewonnen, YAY!). Sonst sind auch alle Teams (ausser die Red Sox) richtig erfolgreich und alle Bostoner (kann man das so schreiben?) richtig glücklich.

Letzten Freitag war ein erstes von der Schule organisiertes Pub Crawl angesagt welches ein voller Erfolg war. Solche werden wir sicher noch öfters durchführen! Am Sonntag hiess es dann „Easter-Party“ mit extrem viel Essen, Eiersuchen und Schweizer Schokolade. Ich durfte die ganze Verwandtschaft meiner Gastfamilie kennenlernen und war etwas überfordert. War aber cool und mein Englisch wurde in höchsten Tönen gelobt (die haben keine Ahnung die Amis!). Wie an jedem guten Familienfest entbrannte auch hier noch eine Politikdiskussion und als einige auf Romney und Obama zu sprechen kamen war ich froh nicht Amerikaner zu sein und Stellung beziehen zu müssen. Leider scheint hier nicht ganz so klar zu sein das nur Obama wählbar ist. Bis jetzt konnte ich mich noch gut zurückhalten und meine sozialistische Weltansicht verstecken, ich glaube nicht, dass ich im Land der Freiheit grossen Applaus ernten würde.

Für das nächste Wochenende haben wir zwei Autos gemietet und werden in einer grösseren Gruppe einen Ausflug nach New Hampshire / Maine machen. Mal schauen was uns erwartet, wird aber sicher eine gute Sache. Die Amis feiern nächsten Montag ihren Patriots Day und in Boston wird Marathon gelaufen. Da bin ich nur froh wenn ich mich ausserhalb der Stadt befinde.

Soweit so einfallsreich, bis bald!

Boston gefällt

Nach fünf Tagen in Boston schwanke ich zwischen ankommen und mich fehl am Platz fühlen. Es ist eine völlig andere Welt mit völlig anderen Prioritäten. Im Grossen und Ganzen finde ich Boston jedoch super und freue mich auf die nächsten 12 Wochen hier. Mein Flug verlief ohne Probleme trotz kleinen Turbulenzen über dem Atlantik. Das Essen war wie erwartet hässlich, aber immerhin gab es etwas.

Das mich der Jetlag so arg mitnimmt hätte ich nicht gedacht. Ich hatte aber vom Samstag bis Dienstag meine liebe Mühe mit Schlafen, war extrem Müde und kriegte die Kopfschmerzen nicht weg. Sechs Stunden Zeitverschiebung sind doch nicht ganz ohne. Mitlerweile fühle ich mich jedoch frisch wie ein junges Reh. Die Schule ist ok, die Lehrer alle ziemlich durch den Wind aber lustig und die Cambridge Klassen bestehen zu 90% aus Schweizern. Ich hatte ja einige erwartet, aber dass es gerade soviele sein werden habe ich nicht gedacht. Mit etwas gutem Willen und Überwindung kann man jedoch auch unter Schweizern Englisch sprechen.

Die Gastfamilie ist absolut cool, hat mich mit offenen Armen empfangen und gibt sich alle Mühe damit ich mich wohl fühle. Hier spreche ich am Meisten Englisch und glaube viel profitieren zu können. Die ersten Pubs in Boston haben wir auch schon ausprobiert und die Sportbegeisterung ist bereits übergeschwappt. Nächsten Dienstag werden wir uns das Spiel der Boston Bruins gegen die Pittsburgh Penguins im TD Garden Live anschauen. Sonst pendle ich zwischen Revere wo ich wohne und Boston hin und her und probiere all die Eindrücke zu verarbeiten. Viel mehr gibt es noch nicht zu erzählen, sollte mir wieder etwas in den Sinn kommen, werde ich es euch hier posten.

Du.

Seit du weg bist übe ich mich im Leben. Ich trinke mich von Exzess zu Exzess, versuche zu verstehen. Dunkle Nächte, lange Nächte. Ich schwanke durch die Zeit, gefangen in Arbeit und Delirium. Du warst da, du bist da. Mit deiner Hilfe schlage ich mir die Nächte um die Ohren, kämpfe die Tage kaputt. Übe mich darin zu existieren. Ich liebe dich, du liebtest mich. Jetzt bist du weg, ich bin noch da. Ich will da sein, ich will leben. Nur etwas intensiver, nur etwas schneller. 22 Jahre hast du mich begleitet, die restlichen 40 muss ich selber gehen. Du fehlst mir. Der Abschied war kurz und voller Schmerzen, deine Art zu gehen würdevoll und unnachahmlich. Du hast meinen vollen Respekt, genau so wie du ihn immer hattest, vor dem Leben, vor deiner Familie. Meine Vergangenheit hinkt mir hinterher und die Zukunft übt sich im Rollstuhlfahren. Ich kann es nicht wahrhaben und mache es trotzdem. Nun bin ich weit weg vom Ort des Geschehens und lebe für einige Zeit am Puls der Welt. Zurückgelassen habe ich die besten Leute die man sich wünschen kann. Nur um Oberflächlichkeit und fehlende Intimität kennen zu lernen. Manchmal wäre ich gerne jemand anderes und trotzdem bin ich zufrieden was du aus mir gemacht hast. Yesterday was hard on all of us und das Morgen wird nicht besser. Wir leben in einer Zeit des Wandels und trotzdem sind wir eine Generation ohne Ziele und Ideen. Du hast immer gehadert mit unserem Unwillen etwas zu erkämpfen. Ich hadere auch damit. Wir stehen alle für nichts und doch für eine verlorene Generation. Es fehlt der Wille etwas zu verändern, es siegt die Bequemlichkeit des Seins. Wir leben von Wochenende zu Wochenende um vergessen zu können was uns unter der Woche zum Denken zwingt. Trotzdem bilden wir uns, trotzdem diskutieren wir über eine bessere Welt und trotzdem möchten wir unsere Utopien leben. Nur konnte uns bis jetzt niemand zeigen wie das geht. Ich werde den Weg gehen welchen du mir in jungen Jahren vorgezeichnet hast. Obwohl ich ihn mit fünfzehn unter keinen Umständen gehen wollte. Du wärst stolz auf mich, wärst du noch da. Ich weiss es. Wir konnten noch viel zusammen bereden. Viel konnte ich dir erzählen, viel hast du mir mitgegeben. Nun habe ich nicht mehr die Möglichkeit mich zu vergewissern es richtig verstanden zu haben. Ich muss versuchen, ich muss hinfallen und wieder aufstehen. Es war einfacher das Leben alleine zu leben als du noch da warst. Ich möchte dir erzählen was ich erlebe. Möchte dir zeigen welche Veränderungen mein Leben erfahren hat. Von Mittwoch Abenden und Donnerstag Nächten möchte ich dir erzählen. Von blauen Augen und blonden Haaren. Ich habe dir früher zu wenig erzählt und trotzdem genug. Du hast mich verstanden wenn es nichts zu verstehen gab. Ich lese Bücher welche ich dir empfehlen würde. Höre Musik die du mögen würdest. Und denke jeden Tag an dich. Mir geht es gut, nur anders als früher. Danke für alles.

Du fehlst mir.

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Thema von Anders Norén.